Analyse: GM-Krise bringt Opel an den Abgrund

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Deutsche Presse-Agentur

Die Traditionsmarke Opel steht vor dem Abgrund: Die Sanierung des krisengeschüttelten US-Mutterkonzerns General Motors (GM) wird harte Einschnitte auch bei der eigentlich gut aufgestellten Tochter in Europa erfordern.

26 000 Stellen will der ums Überleben kämpfende US-Riese außerhalb der USA streichen. Auch ganze Standorte stehen zur Disposition. Noch fahren Mitarbeiter und Geschäftsführung auf dem alten Kontinent durch den Nebel und sprechen sich Mut zu. Denn GM-Chef Rick Wagoner schreckt bislang vor klaren Aussagen zum Schicksal des Autobauers Opel zurück.

Längst sind Stimmen zu vernehmen, die nach 81 gemeinsamen Jahren eine Trennung Opels von GM fordern. In einer gemeinsamen Erklärung schlossen am Mittwoch auch GME-Präsident Carl-Peter Forster, Opel-Chef Hans Demant und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz den Einstieg neuer Partner nicht aus. Beteiligungen von Ländern sind dabei ebenso denkbar wie fremdes Kapital anderer Unternehmen, heißt es in Unternehmenskreisen. Deutlicher wird der hessische Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne): „General Motors muss Opel endlich freigeben. Das deutsche Unternehmen kann nur ohne den maroden amerikanischen Konzern gerettet werden.“

Eine Herauslösung aus dem Mutterkonzern wäre kompliziert, aber machbar, sagt Autoexperte Christoph Stürmer vom Wirtschaftsforschungsinstitut Global Insight Deutschland GmbH in Frankfurt. Er hält sowohl einen Einstieg der Länder nach dem VW-Modell als auch einen Zusammenschluss mit einem anderen Hersteller der gleichen Größenordnung wie beispielsweise Fiat oder Suzuki für möglich. Auch die Übernahme durch einen deutlich größeren Autobauer sei eine Alternative: „Alleine ist Opel nicht überlebensfähig, und selbst im Verbund mit GME wäre das Unternehmen ein relativ kleiner Spieler.“

Aus Angst um Tausende Arbeitsplätze mischt auch die Politik kräftig mit - doch Staatshilfen sind umstritten. Manch ein Politiker und Ökonom befürchtet ein Fass ohne Boden. Hinzu kommt die strittige Frage: Darf der Staat eigentlich mit dem Geld der Steuerzahler Unternehmen retten, die ihre Produkte aus eigener Kraft nicht verkaufen können? Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sieht eine öffentliche Beteiligung skeptisch. Staatshilfen für die Kreditwirtschaft, die für die Gesamtwirtschaft relevant ist, seien nicht mit der Situation einzelner Unternehmen vergleichbar seien.

Auch der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) Christoph Schmidt warnt vor Staatshilfen: „Ich halte Hilfen für einzelne Branchen für eine ganz schlechte Idee. Die Politik sollte sich nicht anmaßen, zu entscheiden, welche Unternehmen erhaltenswert sind und welche nicht.“

In einem sind sich die Experten einig: Opel hat sich nicht selbstverschuldet in diese bedrohliche Misere gebracht, die Rüsselsheimer haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie bauen gute und attraktive Autos. Hingegen ist die Mutter in Detroit in voller Fahrt aufs Abstellgleis gefahren. Eine verfehlte Modellpolitik mit großen Spritschluckern, die weltweite Finanzkrise und Milliardenverluste haben GM an den Rand der Insolvenz gebracht.

Was die Pläne aus Detroit für Opel bedeuten könnten, machte Betriebsratschef Franz dieser Tage deutlich: Er fürchtet fatale Auswirkungen und sagt Massenentlassungen und Werkschließungen voraus. Damit würde GM Opel an die Wand fahren: „Dies hätte katastrophale Folgen für die GM-Marken und -Unternehmen in Europa und würde deren Ende bedeuten.“ Nur getrennt von der strauchelnden Mutter kann Opel überleben, ist sich Franz sicher.

Der US-Auto-Gigant will sich retten, indem er insgesamt 47 000 Stellen abbaut und damit jeden fünften der weltweit 245 000 Beschäftigten entlässt. Bei seiner Vorlage des Sanierungsplans in den Konzerntürmen in Detroit schockierte GM-Chef Rick Wagoner am Dienstagabend mit immer neuen Milliardenforderungen. Am Ende summierten sie sich auf rund 30 Milliarden Dollar an US-Hilfen plus sechs Milliarden Dollar, die auch aus Deutschland kommen sollen. Doch abseits dieser Zahlen blieb Wagoner viele Antworten für die Zukunft des Europa-Geschäfts und damit von Opel schuldig. „Wir sind noch weit weg von einer endgültigen Lösung“, vertröstete er mehrfach.

Für noch mehr Verwirrung sorgte Wagoner mit unklaren Äußerungen zu einem möglichen Verkauf von Opel: Bislang habe sich kein Interessent gemeldet. Werksschließungen in Europa peilt er an „Standorten mit hohen Kosten“ an - genauer wurde Wagoner nicht. Insgesamt will der Konzern in Europa nochmals rund 1,2 Milliarden Dollar sparen.

Trotz der kritischen Lage ist Autoexperte Stürmer überzeugt, dass es die Marke Opel noch lange geben wird: „GM ist derartig verzweifelt, Geldquellen aufzutun, dass sich der Konzern einer präzisen Idee - unterlegt mit politischem Druck aus Europa - nicht verschließen kann.“ Der Liquiditätsengpass von GM sei dramatisch, das Unternehmen müsste dringend Kosten sparen. Ein Übernahmeangebot deutscher Bundesländer für einzelne Produktionsstandorte könne die Lage entschärfen - und damit Werksschließungen verhindern.

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