Analyse: Freude und Furcht vor Obama-Spektakel

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Deutsche Presse-Agentur

Etwas eigenartig ist es schon, dass Barack Obama, die Hauptperson des gigantischen Spektakels, seine Landsleute gebeten hat, an diesem Tag doch besser zu Hause zu bleiben. Die Leute sollten die ganze Sache doch lieber vor dem Fernseher erleben.

So weit der Wunsch des angehenden US-Präsidenten zu seiner Amtseinführung - etwas ungewöhnlich ist es schon. „Lange Warteschlangen, echte Probleme, sich überhaupt zu bewegen“, und dann noch die eisige Kälte, warnte er schon vergangene Woche.

Washington hält den Atem an: Die Megafeiern zum Amtsbeginn des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, die erste Vereidigung eines Schwarzen für das höchste Amt - das alles soll Balsam für die Seele einer derzeit schwer geprüften Nation sein. Die nagende Wirtschaftskrise, die beiden andauernden Kriege im Irak und in Afghanistan - die Sehnsucht des Landes nach großen Gefühlen ist fast greifbar zu spüren. Doch das Spektakel ist für viele auch ein logistischer Alptraum.

Allein wie die Massen zum Kapitol, wo die feierliche Zeremonie der Vereidigung und die erste Rede des frischgebackenen Präsidenten stattfindet, und zur großen Parade an der Pennsylvania-Avenue gelangen sollen, ist ein Problem, für das es keine für alle befriedigende Lösung geben wird. Zwar beginnt alles erst um zwölf Uhr mittags (1800 MEZ). Doch Metros und Busse sind bereits von vier Uhr früh an im Dauereinsatz. Zeitweise hieß es, es könnte bis zu acht Stunden dauern, bis man in der City ist oder abends wieder zu Hause.

Doch wer es in die Innenstadt geschafft hat, hat den Kampf noch längst nicht gewonnen. Nur wenige Länder der Welt haben eine derartige Furcht vor Terroranschlägen, wahnsinnigen Einzeltätern - und ein solch tiefsitzendes Trauma durch Präsidentenmorde in der Vergangenheit. Auf den Dächern der Innenstadt sind Scharfschützen postiert, Soldaten, Nationalgarde plus Polizei sind im Einsatz. Wer sich dem historischen Geschehen auch nur auf Sichtweite nähern will, muss penible Personenkontrollen über sich ergehen lassen - nicht mal einen Regenschirm darf man mitnehmen.

Und: Wenn sich das Gelände für die Stehplätze des einfachen Volks an der Prachtmeile Pennsylvania Avenue zwischen Kapitol und Weißem Haus gefüllt hat, wird der weitere Zugang von den Sicherheitskräften kurzerhand abgesperrt. Dann geht nichts mehr. „Das könnte schon um zehn Uhr morgens sein“, warnt die „Washington Post“ ihre Leser. Viele, die sich zum großen Spektakel durchkämpfen, werden mit eigenen Augen nicht sehr viel zu sehen bekommen. „Die Wahl lautet: Dabeisein oder sehen können“, meint das Blatt ironisch - schließlich hat der Präsident in spe persönlich die „Lösung Fernsehen“ vorgeschlagen.

Kein Wunder, dass es Hinweise gibt, wonach deutlich weniger Menschen in die Hauptstadt strömen als zunächst angenommen. Bis zu fünf Millionen Menschen hieß es zeitweise. Von 10 000 Fahrern von Bussen, die um Einlass gebeten haben, war die Rede. Jetzt berichtete die „New York Times“, viele anfangs Willige seien angesichts des drohenden Chaos abgesprungen.

Weniger als die Hälfte der zunächst anvisierten Busse seien unterwegs. Auch seien längst nicht alle privaten Übernachtungsangebote genutzt worden, mit denen findige Einwohner buchstäblich über Nacht schwindelerregende Beträge einstreichen wollten. „Niemand weiß, wie viele Menschen entmutigt wurden, die Inaugurations-Feiern mitzuerleben.“ Dabei hatte Obama von den „offensten Inaugurations-Feiern in der Geschichte“ gesprochen.

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