Analyse: Ernster Aschermittwoch für ernste Zeiten

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Deutsche Presse-Agentur

„Wir leben in einer Zeit, in der die Leute so viel Sorgen haben, dass sie nicht verstehen würden, wenn man erbarmungslos aufeinander einschlägt“, sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Er feiert - nach dem missglückten einjährigen Intermezzo des Tandems Günther Beckstein und Erwin Huber - seine Premiere als Hauptredner in der Passauer Dreiländerhalle. Wie immer erwartet die CSU zum Auftakt der Fastenzeit mehrere tausend Pilger aus ganz Deutschland. Die wünschen sich alles andere als fade Fastenspeisen. Doch der Wunsch mancher Zuhörer nach einem krachenden Feuerwerk des Polit-Klamauks soll diesmal unerhört bleiben.

Und noch etwas ist neu bei der CSU: die Gegner. Die SPD ist in Bayern derart geschrumpft, dass sie nicht mehr als Hauptfeind taugt. Vordringlichstes Ziel der CSU ist es, die Abwanderung bürgerlicher Wähler zu FDP und Freien Wählern zu stoppen. Seehofers Vorvorgänger Edmund Stoiber zog in seinen guten Jahren alljährlich lustvoll über Rot-Grün im Bund her („Avanti Dilettanti! Die müssen weg!“). Doch Seehofer muss notgedrungen den Blick nach innen richten. Die CSU- Basis hat das Debakel bei der Landtagswahl 2008 noch nicht verarbeitet. Seehofer will die eigene Truppe wieder aufrichten: „Eine wesentliche Botschaft wird sein: Die CSU ist wieder da.“

Da Seehofer aber als Ministerpräsident auch Chef der schwarz- gelben Koalition in Bayern ist, kann er nicht übermäßig auf die FDP schimpfen. „Das Destruktive wollen die Leute nicht, vor allem nicht in ernsten Zeiten“, sagt er. Dass die ernste Fastenzeit angebrochen ist, werden Seehofers Zuhörer auch an der Speisekarte merken: Zu essen gibt es bei der CSU lediglich Fischsemmeln.

Seehofer ist unbestritten der beste Redner der CSU - doch will er den Antityp des klassischen Aschermittwoch-Grobians geben. Seine Stärke soll das Einfühlungsvermögen sein, nicht die verbale Blutgrätsche. „Hau den Lukas wie auf dem Oktoberfest, das war nie mein Ding“, sagt er.

Seehofer werde „Klartext reden, aber nicht im Sinne von Haudrauf“, sagt der niederbayerische CSU-Bezirkschef Manfred Weber, der die Veranstaltung eröffnet. Weber und der neue CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt als dritter Redner können in Sachen FDP weniger diplomatisch zu Werke gehen als der Ministerpräsident. „Man muss klar unterscheiden zwischen der Regierung, bei der die Menschen keinen Dauerstreit erwarten, und der Position der Parteien“, sagt Weber.

Die FDP ihrerseits fühlt sich in diesem Jahr für die Abteilung Attacke zuständig. Die Liberalen stoßen bei ihrer kleinen Konkurrenzveranstaltung im Passauer Wirtshaus „Peschl-Terrasse“ auf bisher ungekanntes Interesse. „Unsere Stimmen sind keine Leihstimmen, wir sind auch keine vorübergehende Parkbank für enttäuschte CSU- Wähler“, sagt die FDP-Landesvorsitzende Sabine Leutheusser- Schnarrenberger. Sie will sich in ihrer Rede um Bayern und die CSU kümmern, während Parteichef Guido Westerwelle für die Bundespolitik zuständig ist. Die SPD-Prominenz dagegen macht diesmal um Bayern einen Bogen. Parteichef Franz Müntefering tritt im baden- württembergischen Ludwigsburg auf und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier im saarländischen Siersburg.

Ohnehin steckt auch der Aschermittwoch in einer Art Strukturkrise. Die alten, aggressiven Rituale haben sich überlebt. Die Treuesten der treuen Zuhörer bei der CSU kommen aus Niedersachsen vom CDU- Kreisverband Peine. Die Peiner sind zum 34. Mal dabei, sie schicken eine 30-köpfige Delegation nach Niederbayern. „Bei unserer zehnten Fahrt waren wir 220“, erinnert sich Organisator Martin Olbrich an die achtziger Jahre. „Poltern wie bei Franz Josef oder Stoiber, das werden wir wohl nicht mehr erleben.“

Im Publikum sitzt auch Erwin Huber, der im vergangenen Jahr noch selbst die Rede hielt. „Ich gehöre zum CSU-Urgestein“, sagt er. In Passau werde es „kein politisches Fast Food geben, sondern würzige bayerische Kost“. Doch auch er räumt ein: „Die Zeit der großen Polarisierung wie in den siebziger und achtziger Jahren ist vorbei.“

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