Analyse: Empörung über Benedikts Wahl in Österreich

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Deutsche Presse-Agentur

Die Entscheidung von Papst Benedikt XVI., den als erzkonservativ geltenden Priester Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz zu ernennen, hat unter dem liberalen Kirchenvolk Österreichs Entrüstung provoziert.

Nach diesem Schritt des Vatikans, der nach Ansicht des renommierten Grazer Kirchenhistorikers Maximilian Liebmann „wohlüberlegt“ war, rechnen Kritiker mit einer neuen Welle von Kirchenaustritten in der mehrheitlich katholischen Alpenrepublik. Nur der neue Würdenträger scheint von dem Sturm um seine Ernennung nicht betroffen: „Ich bin einer, der den Konflikt sucht. Wenn es ihn nicht gibt, bin ich eher beunruhigt und mir ist mulmig“, sagte Wagner trotzig dem liberalen Wiener „Der Standard“ vom Montag.

Selten zuvor ist eine Entscheidung Roms von den Katholiken Österreichs, immerhin 73,6 Prozent der Bevölkerung, mit so viel Widerspruch aufgenommen worden. Selbst der katholische Landeshauptmann (Ministerpräsident) von Oberösterreich, Josef Pühringer, mochte sie nicht unkommentiert hinnehmen. Er habe den Eindruck, dass „in Rom von der Diözese (Linz) ein Bild herrscht, das meines Erachtens nicht der Realität entspricht“. Selbst der Generaldechant der Diözese, Franz Wild, zeigte sich „erschüttert“. Es sei „verwunderlich, dass jemand, der in so vielen Fragen eine extreme Position einnimmt, für so ein Amt, das doch zusammenführen soll, berufen wird.“

Tatsächlich versinnbildlicht Wagner, der Theologie in Rom studiert hat, eine Richtung in der Kirche, die in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Katholiken zum Austritt bewegt hat. Pro Jahr verliert die Kirche Roms in jenem Land, das einst auch als „Insel der Seligen“ bekannt war, seit Mitte der 1980er Jahr zwischen 30 000 und 50 000 Mitglieder. Nur noch 14 Prozent ihrer Mitglieder besuchen regelmäßig Gottesdienste, und ein beträchtlicher Teil davon sind zugewanderte Ausländer, vor allem Polen und Kroaten.

Und die bisher bekannten Äußerungen des neuen Weihbischofs sind nicht dazu angetan, liberale Katholiken zu halten. So meinte der Geistliche etwa nach der Hurrikan-Katastrophe von New Orleans, es sei wohl „kein Zufall“, dass in der Stadt „alle fünf Abtreibungskliniken und Nachtclubs zerstört“ wurden. Die Katastrophe sei auch „eine Folge geistiger Umweltzerstörung“. Für Wagner, der die Wiederzulassung geschiedener Katholiken zur Kommunion ablehnt und keine weiblichen Ministranten mag, könnte Romanheld Harry Potter „zum Satanismus beitragen“. Die ganze Aufregung um seine Person verstehe er nicht, meinte Wagner am Montag in Linz: „Ich verstehe nicht, wieso ich als Spalter dargestellt werde, wenn ich mich hinter den Papst stelle.“

Doch für den Pastoraltheologen Paul Zulehner ist die Entscheidung des Papstes, der alle personellen Vorschläge der österreichischen Kirchenführung ignorierte, „dramatisch bedenklich“. Langfristig führe sie „zu einer inneren Emigration und zu einem spürbaren Anstieg der Kirchenaustritte“. Kirchenpolitisch sei dies auf jeden Fall „eine völlig falsche Entscheidung“, die nach Meinung des Grazer Kirchenhistorikers Maximilian Liebmann jedoch ganz bewusst gewählt worden sei. „Josef Ratzinger kennt die Verhältnisse in Oberösterreich als langjähriger Münchner Kardinal viel zu gut“, so der Wissenschaftler am Montag. Benedikt gehe es letztlich darum, die etwa 30 Prozent der erzkonservativen Katholiken, die unter der ländlichen Bevölkerung zu finden seien, „nicht alleinzulassen“.

Damit, so warnte die konservative Wiener „Die Presse“ (Montag), könnte Benedikt XVI. allerdings „die katholische Kirche in Richtung Sektengemeinschaft führen“. (...) Was da entstehen soll, ist eine Kirche der 100-Prozent-Katholiken, die verschworene Katakombengemeinde der gnadenlos Guten.“

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