Analyse: Dramatisches Minus - Geht Talfahrt weiter?

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Deutsche Presse-Agentur

Die dramatische Verunsicherung der Verbraucher in aller Welt hat die deutsche Wirtschaft abgewürgt. Am Ende einer Boomphase mit fünf Wachstumsjahren in Folge hat die globale Wirtschafts- und Finanzkrise Deutschland mit voller Kraft erreicht.

Dabei wird der Exportweltmeister stärker in Mitleidenschaft gezogen als europäische Nachbarn wie Frankreich, Spanien oder Italien. Von Oktober bis Dezember 2008 schrumpfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um drastische 2,1 Prozent, aus Sicht der Commerzbank ist die Wirtschaft sogar „kollabiert“. Der Einbruch der Wirtschaftsleistung war der dritte Rückgang in Folge und der größte seit der Wiedervereinigung.

Nach Berechnungen der Allianz-Gruppe sank die gesamtwirtschaftlichen Produktion in Deutschland seit dem zweiten Quartal 2008 um 3,1 Prozent - so stark wie in bisher keiner Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik. Auch zum Jahresbeginn wird sich der Sturm in der Wirtschaft nicht beruhigen, meint Volkswirt Alexander Koch von UniCredit: „Der steile Abwärtstrend in der Industrieproduktion und der jüngste Einbruch der Auftragseingänge kündigen bereits einen weiteren hässlichen BIP-Bericht für das erste Quartal an.“ Der weitere Aufbau an Lagerbeständen untermauere diese Befürchtung noch.

Allerdings sieht Allianz-Experte Rolf Schneider allmählich Licht am Ende des Tunnels: „Inzwischen dürfte der konjunkturelle Tiefpunkt erreicht sein, auch wenn das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal voraussichtlich erneut schrumpfen wird.“ Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) erwartet sogar eine zarte Pflanze des Aufschwungs in der zweiten Jahreshälfte 2009. Das dürfte aber nicht reichen, um den erwarteten Einbruch vom Jahresbeginn auch nur annähernd zu kompensieren. Helaba-Volkswirt Stefan Mütze rechnet für das Gesamtjahr mit einem kräftigen BIP-Minus von 2,6 Prozent.

Zwar kann auch UniCredit derzeit noch kein baldige Gesundung ausmachen. Zumindest machten aber die Milliarden-Konjunktur-Pakete der Bundesregierung Hoffnung auf eine Stabilisierung. Diese Hoffnung hegt auch der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), der am Freitag „das schnelle und entschlossene Handeln der Bundesregierung mit dem zweiten Maßnahmenpaket“ begrüßte. „Damit werden wichtige Signale für die Entlastung der Bürger gesetzt sowie zur Stabilisierung der Finanzierung von mittelständischen Unternehmen. Bürger und Unternehmen müssen wieder Vertrauen schöpfen, dass in absehbarer Zeit eine Wende zum Besseren erreichbar ist“, sagt Verbands-Präsident Anton Börner.

Ein explosives Gemisch aus Banken- und Immobilienkrise hatte Länder auf dem ganzen Planeten in Turbulenzen gestürzt. Das Fass zum Überlaufen brachte nach Überzeugung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Lehman-Pleite im September, die der deutschen Wirtschaft einen „Unsicherheitsschock“ versetzt habe: „Nach der Lehman-Pleite hat sich der Rückgang der Konjunkturindikatoren wie Industrieproduktion oder Auftragseingänge in nahezu allen Industrie- und Schwellenländern dramatisch beschleunigt - auch in der strukturell stark aufgestellten deutschen Industrie.“ Der Fall der Investmentbank habe Verbraucher und Unternehmer verunsichert und das Vertrauen in stabile Finanzinstitute und Staatsfinanzen zerrüttet. Konsumausgaben und Investitionen seien daher verschoben worden.

Von der Zurückhaltung der verunsicherten Kunden ist die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft stärker betroffen als andere. Frankreich verzeichnete im vierten Quartal ein BIP-Minus von 1,2 Prozent, Spanien von 1,0 Prozent und Italien von 1,8 Prozent. In der Eurozone ist die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorquartal um 1,5 Prozent gesunken. Das Statistische Bundesamt begründet das schwache vierte Quartal in Deutschland vor allem mit rückläufigen Anlageinvestitionen und dem schwache Export. Helaba-Volkswirt Mütze sagt: „Dass Deutschland schlechter abschnitt, liegt am hohen Industrieanteil in der Wirtschaft, der auf Exporte von Investitionsgütern ausgelegt ist.“ Und die seien besonders zyklisch: „Im kommenden Aufschwung profitiert Deutschland davon wieder.“

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