Analyse: Die Leiden des „Michel“ Glos

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Deutsche Presse-Agentur

Wohl fühlte sich Michael Glos in dem Amt eigentlich nie. In vielen Hintergrundgesprächen erzählte er, dass er nach dem Rückzieher von Edmund Stoiber 2005 „wie die Jungfrau zum Kinde“ zur Position des Wirtschaftsministers gekommen sei.

Der Posten, auf dem Ludwig Erhard oder Karl Schiller zur Legende wurden, ist Glos bis heute fremd geblieben. Als die Kanzlerin mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in nächtlichen Krisensitzungen die Bankenwelt rettete, wurde Glos gar nicht dazugeholt. Die Opposition hält ihn für eine grandiose Fehlbesetzung. „Schlaftablette auf zwei Beinen“, lästerte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn. Und FDP-Vize Rainer Brüderle sah in Glos den „Problembären“ der Regierung Merkel.

Doch niemand rechnete damit, dass der gelernte Müllermeister noch vor der Wahl die Brocken hinschmeißen und seinen Rücktritt anbieten würde. Hätte CSU-Chef Horst Seehofer sofort zugestimmt, wäre Glos wohl als Hinterbänkler im Bundestag rasch aus den Schlagzeilen verschwunden. Jetzt aber droht CSU und Bundesregierung eine unangenehme Hängepartie.

Glos führte offiziell seine Lebensplanung und die Parteiräson als Gründe ins Feld. Der 64-Jährige, der wieder für den Bundestag kandidiert, schrieb an Seehofer, nach dem CSU-Wahldebakel sei „Erneuerung, Gestaltungskraft und Glaubwürdigkeit mehr denn je gefragt“. Überzeugend klingt das nicht: Tatsächlich soll maßgeblich das zerrüttete Verhältnis zu Seehofer der Auslöser gewesen sein.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa aus Unionskreisen soll bei Glos das Fass zum Überlaufen gebracht haben, dass Seehofer hinter seinem Rücken offenbar mögliche Kandidaten für das Amt des Bundeswirtschaftsministers in der nächsten Wahlperiode angesprochen hat. Dabei soll sich Seehofer auch wenig schmeichelhaft über die Amtsführung von Glos geäußert haben. Die persönliche Beziehung der CSU-Politiker gilt seit langem als angespannt.

Der „Donaukurier“, der in Seehofers Heimat Ingolstadt erscheint, veröffentlichte einen Artikel, in dem geschildert wird, dass Seehofer dem bayerischen Unternehmer Thomas Bauer angeblich ein hohes Partei- oder Regierungsamt anbot.

Wörtlich heißt es in dem Bericht: „Wie es aus gut informierten Kreisen hieß, steht Horst Seehofer in Verhandlungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, um dem Schrobenhausener ein Regierungsamt für die kommende Legislaturperiode in Aussicht stellen zu können. Infrage käme dabei etwa das Wirtschaftsministerium, derzeit bereits in CSU-Hand, aber mit dem politisch schwer angeschlagenen Michael Glos besetzt; oder aber auch ein leitender Posten in der CSU-Fraktion.“

Seehofer selbst wollte gegenüber der Zeitung zu dem Thema keine Stellung beziehen. „Es sind ein Dutzend Namen im Gespräch, und ich werde keinen davon kommentieren“, sagte der bayerische Ministerpräsident dazu. Glos soll aber mächtig erzürnt gewesen sein, dass Seehofer wohl schon jetzt das Fell des Bären verteilen wollte. Glos faxte sein Schreiben an den CSU-Chef und griff dann zum Telefon, um die Kanzlerin zu informieren.

Warum Seehofer das Rücktrittsgesuch zunächst abgelehnt hat, ist unklar. Möglicherweise will er Zeit gewinnen, um in Ruhe die Frage der Nachfolge zu entscheiden. Für sehr unwahrscheinlich halten es informierte Beobachter, dass Glos nach diesem Tohuwabohu als „lame duck“ (lahme Ente) noch lange im Amt bleibt. „Dass Seehofer ihn nicht ziehen lässt, ist eine weitere Demütigung.“

Als Nachfolge-Kandidaten könnten der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Peter Ramsauer, CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg oder auch Glos' Staatssekretärin Dagmar Wöhrl infrage kommen. Gegen den von Seehofer geförderten Guttenberg spricht, dass er gerade mit Hochdruck dabei ist, die Partei nach der Wahlpleite neu aufzustellen. Oder das CSU-Urgestein „Michel“ Glos lässt sich wie 2005 doch noch einmal überreden.

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