Analyse: Die Clintons verneigen sich

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Deutsche Presse-Agentur

Nach dem erbittertsten Vorwahlkampf in der jüngeren US-Geschichte war in der Sportarena von Denver der historische Moment gekommen.

„Im Geist der Einheit und mit dem Ziel des Sieges“ forderte mit fester Stimme die knapp unterlegene Präsidentschafsbewerberin Hillary Clinton den Parteitag auf, per einfacher Akklamation Barack Obama zum Kandidaten zu bestimmen. „Aaaaye“ (Ja-Stimme) schallte es aus tausenden Kehlen durch die bunt illuminierte Halle - und der erste schwarze Politiker in der US-Geschichte nimmt ernsthaft Kurs aufs Weiße Haus.

„Ein Traum wird wahr“, sagte die greise Bürgerrechtsführerin Dorothy Height (96) in die Mikrofone - und sie meinte nicht nur den Traum von Martin Luther King, der am Donnerstag vor 45 Jahren zu Füßen des Lincoln-Denkmals in Washington seine berühmte Rede „Ich habe einen Traum“ gehalten hatte. Der Parteitag tanzte, Delegierte umarmten sich, wieder einmal flossen Tränen, viele schrien Obamas Slogan: „Yes, we can!“, „Yes, we can!“. (Ja, wir können es schaffen.)

Am Abend dieses geschichtsträchtigen Tages durchbrach völlig überraschend Obama das Programm und trat als „Überraschungsgast“, so Vize-Kandidat Joe Biden, vor die begeisterten Delegierten, die jubeln, trampeln, das Sternenbanner schwenken. Eigentlich wollte der frisch gekürte Kandidat erst am Donnerstagabend vor 76 000 Menschen im Football-Stadion von Denver und Millionen vor den Fernsehschirmen in Amerika und der Welt seine Vision vom „Wandel“ präsentieren. Aber an diesem besonderen Tag war alles anders als geplant - und auch anders als befürchtet.

Überreicht wurde Obama der Stab der Geschichte ausgerechnet durch die Clintons: am Dienstag hatte die Senatorin aus New York an ihre noch immer tief enttäuschten Anhänger appelliert, mit Obama ihren Frieden zu schließen und ihm zum Wahlsieg am 4. November zu verhelfen. Dann durchbrach sie selbst das komplizierte Wahlprozedere der Delegierten und brachte so die Versammlung zumindest nach außen hin zu einem einstimmigen Votum für Obama. Und schließlich präsentierte sich trotz aller Sorgen der Parteimanager auch Ex-Präsident Bill Clinton als verlässlicher Parteisoldat.

Als er die Bühne betrat, wollte der Jubel nicht enden. „Ich mag das“, gestand Clinton lachend ein, um dann, doch etwas irritiert über so viel Begeisterung, die Delegierten zu bitten: „Setzt euch, setzt euch bitte!“ Auch Michelle Obama hatte gelächelt, geklatscht, aber ihre Anspannung war spürbar, ihre Lippen waren zusammengepresst. Ihr geht es wie vielen im Wahlkampfteam Obamas: Ihnen war bang vor diesem Abend. Denn Clinton ist ein gefürchteter Spielverderber, „der schon oft anderen die Show gestohlen hat“, so das Magazin „The Hill“.

Aber nach der Rede Clintons strahlte die Ehefrau Obamas wie alle anderen in der aufgewühlten Arena. Schließlich hatte Clinton in einer fulminanten Rede Obama als den Mann beschrieben, der dazu bestimmt ist, Amerika aus internationaler Isolation und der Wirtschaftskrise daheim zu führen, der die „amerikanische Führung in der Welt wieder herstellen“ könne. „Die beste Rede Clintons, seit er das Weiße Haus verlassen hat“, schwärmte Ex-Präsidentenberater David Gerken.

Vergessen war all der Zwist zwischen den Clintons und Obama: Im Vorwahlkampf hatte der Ex-Präsident Obamas „Opposition gegen den Irakkrieg von Anfang an“ noch als „Märchen“ bezeichnet. Auf die Frage, ob Obama tatsächlich das Land führen könne, hatte er nur gesagt, dass wohl „niemand wirklich vorbereitet ist, Präsident zu werden“. Wann immer Clinton bisher über Obama sprach, schien man seine Abneigung zwischen den wohlgesetzten Sätzen heraushören zu können, glaubte man seine Verbitterung zu spüren, dass nicht seine Frau, sondern der junge Außenseiter aus Illionois das innerparteiliche Rennen gemacht hatte.

Aber an diesem historischen Tag schenkte Bill Clinton Obama mehr als nur die formale Unterstützung. Er verknüpfte sein eigenes politische Leben mit dem des schwarzen Senators. Clinton erinnerte an seinen ersten Wahlkampf 1992, als ihn die Republikaner als „zu jung und zu unerfahren“ hinstellten. „Erinnert euch das an etwas?“, fragte Clinton lachend die begeisterten Delegierten. Die Botschaft war eindeutig: Obama steht heute für den Wandel und eine neue, demokratische Politik, so wie ich, Bill Clinton, damals für eine neue Politik stand - und gewann.

Die Rede Clintons war für Obama fast wie ein Ritterschlag durch den Mann, der den Demokraten als einziger seit Franklin D. Roosevelt (Präsident von 1933 bis 1945) mehr als einen Wahlsieg bescherte. Nichts war von den immer wieder kolportierten Zweifeln Clintons zu spüren, ob Obama wirklich gegen den Republikaner John McCain gewinnen könne. Dem Ex-Präsidenten gelang es, glaubwürdig Obama zu preisen - so ähnlich wie es Hillary am Vorabend gemacht hatte. Die Clintons erwiesen sich als „gute Verlierer“ und „gute Parteisoldaten“, so die „Denver Post“.

„Ich glaube, dieser Parteitag ist so weit ganz gut gelaufen“, hatte Obama am Mittwochabend den Delegierten aufmunternd zugerufen. Am Donnerstag, dem letzten Tag der Convention, stieg aber die Anspannung wieder. Obama war gefordert, der verunsicherten Partei mit einer großen Rede im Stadion Siegeszuversicht zu geben. Denn die jüngsten Umfragen waren wenig ermutigend - und dank der Georgienkrise rückt die Außenpolitik zunehmend ins Zentrum des Wahlkampfs. Da aber vertrauen die Amerikaner laut Umfragen mehr dem erfahrenen McCain - vor Obama lag ein schwerer Abend und zwei Monate eines ungemein harten, aber sicher historischen Wahlkampfs.

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