Analyse: Das „Monster“ zitterte

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Deutsche Presse-Agentur

Nein, etwas Bedrohliches hat dieser Mann nicht mehr an sich. Als Josef Fritzl an diesem Montagmorgen um 9.30 Uhr den Gerichtssaal betritt, erregt sein Auftritt fast ungewolltes Mitleid.

Von dem bedrohlich blickenden Machtmenschen auf dem düsteren Polizeifoto nach seiner Festnahme vor knapp einem Jahr ist nicht viel geblieben. Als Fritzl von zwei schwarzuniformierten Gendarmen in den Schwurgerichtssaal im Landesgericht St. Pölten geführt wird, geht ein leichtes Zittern durch seinen fast schwächlich wirkenden Körper. Der 73-Jährige stellt sich nicht den ungeheuerlichen Vorwürfen, sondern verbirgt sein Gesicht fast kindlich hinter einem aufgeklappten blauen Aktenordner. Fünf Minuten bleibt er so stehen, fünf lange Minuten, bis die Vorsitzende Richterin den Saal betritt.

Während ein Pressefotograf vor ihm kniet, um vielleicht doch ein wenig von seinem Gesicht zu treffen, fragt ihn ein TV-Journalist vergeblich nach seinem Befinden. „Herr Fritzl, wie geht es Ihnen?“, hört man mehrfach. Josef Fritzl, der unter anderem des Mordes, der Sklaverei und der tausendfachen Vergewaltigung angeklagt ist, schweigt weiter. Den blauen Ordner nimmt er erst herunter, als er auf der Anklagebank Platz nimmt. Dort sitzt er mit dem Rücken zu den etwa 100 Journalisten im Saal, die aus aller Welt nach St. Pölten gekommen sind, um „das Monster von Amstetten“ zu sehen.

Dies ist kein gewöhnlicher Strafprozess. Das macht Richterin Andrea Humer von Beginn an klar. Humer wird - vermutlich schon an diesem Freitag - über den Mann richten, der seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies gesperrt hat, sie quälte, missbrauchte und rücksichtslos mehrfach schwängerte. Vor der Gerichtsvorsitzenden steht ein bronzenes Kruzifix, flankiert von zwei weißen Kerzen. Und weil dies kein „normaler Prozess“ ist, mahnt sie: „Dies ist nicht das Verbrechen eines Ortes, oder gar einer ganzen Nation“, sagt sie und blickt in Richtung der Journalisten auf der Zuschauertribüne.

Ja, bei diesem Prozess geht es auch um die Medien, um die weltweite Berichterstattung über den „Fall Fritzl“. Das weiß auch die Staatsanwältin Christiane Burkheiser, als sie die insgesamt zwölf Geschworenen ermahnt: „Vergessen Sie alles, was sie bisher über diesen Fall gelesen oder gehört haben“, fordert sie die Schöffen auf.

Doch dann erzählt sie ihnen mit drastischen Worten von den Verbrechen Josef Fritzls, die die meisten hier schon aus der Zeitung kennen. Für Burkheiser ist der Angeklagte ein Mörder, weil er sein krankes Neugeborenes nicht zu einem Arzt brachte. Für ihn ist er auch der Sklaverei schuldig, weil er seine Tochter Elisabeth mit 18 Jahren in einen stockdunklen Keller gelockt und sie dort monatelang wie sein persönliches Eigentum angekettet im Dunkeln leiden ließ, während er sich wieder und wieder an ihr verging.

„Nein“, ruft dann der Starverteidiger Rudolf Mayer den Schöffen entgegen. Fritzl sei kein Mörder, denn er habe sich um das schwer kranke Neugeborene doch gekümmert. Und Sklaverei? Zur Sklaverei gehöre die Absicht, einen Profit aus der Versklavung zu machen. Und Fritzl habe seine Tochter doch geliebt! Nach Lesart des Verteidigers, der gewaltig gegen die Presse wettert, ist Josef Fritzl natürlich kein Monster. „Er hat sich eine Zweitfamilie im Keller aufbauen wollen“, begründet er die grausamen Taten seines Mandanten. Und die sexuelle Gewalt? Mayer: „Wenn ich so was nur wegen des Sex' mache, dann mach ich keine Kinder, schaffe keine Schulbücher und Geschenke herbei“. Ja, sagt Mayer, Fritzl habe sich der Vergewaltigung, Blutschande und Freiheitsberaubung schuldig gemacht, aber doch nicht des Mordes.

Das macht auch der Angeklagte deutlich, als ihn die Richterin zu den einzelnen Anklagepunkten befragt: „Nicht schuldig“, sagte er deutlich beim Mordvorwurf, „nicht schuldig“ auch bei Sklaverei. Kurz darauf wird die Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal gewiesen. Nun, so meint die Richterin, kämen viele intime Dinge zur Sprache, und die gingen die Öffentlichkeit nichts an.

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