Analyse: China rätselt über Obamas künftigen Kurs

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

China erwartet vom neuen US-Präsidenten Barack Obama eine Abkehr von der „Cowboy-Diplomatie“ seines Vorgängers George W. Bush. Die Wende ist höchst willkommen, doch herrscht große Unsicherheit, was der Wechsel im Weißen Haus für China bedeutet.

Einige Amerika-Experten erwarten „keine großen Veränderungen“, doch andere warnen vor Protektionismus durch die Weltwirtschaftskrise, überzogenen Erwartungen der USA, neuem Streit über Chinas Währungsregime und Spannungen wegen Tibet oder Taiwan. Unter dem Titel „Partner oder Risiko?“ bescheinigte das einflussreiche Wirtschaftsmagazin „Cai Jing“ dem neuen Präsidenten zumindest einen „vorsichtigen, gemäßigten Stil“, der Schlimmstes verhindern könnte.

Nicht wenige in China horchten auf, als sich Obama in seiner Rede vor dem Kapitol in Washington an jene Führer in der Welt wandte, „die sich durch Korruption und Täuschung oder dadurch an die Macht klammern, dass sie abweichende Meinungen zum Schweigen bringen“: „Ihr sollt wissen, dass ihr auf der falschen Seite der Geschichte steht, aber dass wir eine Hand ausstrecken werden, wenn ihr eure Faust öffnet.“ Die Formulierung ist direkt von Ex-Präsident Bill Clinton geborgt, der 1997 dem damaligen Staats- und Parteichef Jiang Zemin bescheinigte, mit der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 „auf der falschen Seite der Geschichte“ zu stehen.

Die populären Internetportale sina.com und sohu.com ließen das Zitat aus der chinesischen Übersetzung aus, obwohl sie ihren Lesern das „volle Transkript“ versprachen. Auch der Satz Obamas fehlte, dass frühere Generationen „Kommunismus und Faschismus“ nicht einfach mit Raketen und Panzern, sondern durch politische Bündnisse und ihre festen Überzeugungen in die Knie gezwungen hätten.

Doch nicht erst seit Obamas Rede erwarten chinesische Experten, dass die neue Regierung die „harte Haltung“ der USA bei den Menschenrechten und in ideologischen Fragen nicht aufgeben werde, wie der US-Experte Yuan Peng in der „China Daily“ meinte. Auch die Komplexe Tibet und Taiwan seien „heikel“ für die Beziehungen, verwies der Forscher auf die guten Kontakte der Demokraten zum Dalai Lama, dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, als „Saat für neue Spannungen“.

Bei allen Differenzen teilen beide Staaten wachsende Abhängigkeiten. Obama braucht die Kooperation Chinas als Vetomacht im Weltsicherheitsrat, als drittgrößte Wirtschaftsnation, als Regionalmacht in Asien und nicht zuletzt als größten Kreditgeber der USA. Die atomaren Ambitionen Nordkoreas oder des Irans sind ohne China nicht im Schach zu halten. Chinas Einfluss wächst in Afrika, aber auch in globalen Finanzinstitutionen. Ohne die beiden größten Klimasünder kann der Kampf gegen die Erderwärmung nicht gewonnen werden. Schlägt Obama im Umweltschutz einen neuen Kurs ein, steigt auch der Druck auf China, mehr für den Klimaschutz zu tun.

Vor allem aber der Handel wird für Spannungen sorgen. In einem exzessiven Kreislauf lebte China bisher bestens von seinen Exporten in die USA und dem amerikanischen Konsum auf Pump. Die gigantischen Devisenreserven aus Chinas Handelsüberschuss flossen zurück in US-Schatzanleihen und sorgten damit für Liquidität in den USA, die wiederum die billigen Kredite ermöglichte, von denen die Amerikaner ihrerseits bestens lebten. Die „guten“ Zeiten sind jetzt vorbei.

Der Konsum in den USA und Europa fällt - und damit die Nachfrage nach „Made in China“. Die chinesische Wirtschaft macht eine „harte Landung“. Nur eine Ankurbelung der heimischen Nachfrage kann den Rückgang auffangen. Doch sollte China versuchen, mit Ausfuhrhilfen und Währungsmanipulationen seine Exporte auf Kosten der Importe zu fördern, erscheint eine Konfrontation mit den USA unausweichlich.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen