Analyse: Brückenbauer Benedikt in der Bredouille

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Schwäbische Zeitung

Rom (dpa) - Jetzt ist der Pontifex gefragt, der „Brückenbauer“ Benedikt XVI.. Er ist auf die vier erzkonservativen Bischöfe der Piusbruderschaft zugegangen und hat ihre Exkommunikation aufgehoben, um seine römisch-katholische Kirche zu einen.

Unruhe und Unmut über die versöhnliche Geste schwappen jedoch immer höher. Und für viele sieht es aus wie ein Schuss, der nach hinten losgegangen ist: Am rechten Rand der Kirche mit mehr als einer Milliarde Gläubigen versucht der Vatikan die Truppen zu sammeln, während vor allem der Reformflügel auf Distanz geht. Er befürchtet einen Rückfall hinter das Zweite Vatikanische Konzil, das die Kirche in den 1960er Jahren auf den Reformweg auch gegenüber dem Judentum gebracht hatte. Welchen Weg kann Benedikt einschlagen, um die Scherben notdürftig zu kitten?

Fehler eingestehen, die Wogen glätten, den Dialog verstärken - das sind die vordringlichsten Aufgaben in Zeiten der selbstverursachten Krise. Und da ist ein Mann besonders im Rampenlicht, der beileibe nicht immer einer Meinung mit dem konservativen Landsmann auf dem Stuhl Petri war: Kurienkardinal Walter Kasper, für das Gespräch mit anderen christlichen Konfessionen und dem Judentum verantwortlich. Kasper wurde sofort aktiv, als Israels Rabbiner ihrer Empörung Luft machten, weil unter den vier Bischöfen auch der britische Holocaust- Leugner Richard Williamson ist. Was diesen Teil der diplomatisch- kirchlichen Front angeht, darf der Dialog nicht abgebrochen werden.

Daneben die spürbare Unruhe unter Katholiken - vor allem unter deutschen. Die Belastung durch den Holocaust, das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte, und die agile katholische Reformbewegung haben im Bunde dafür gesorgt, dass Benedikts Weichenstellung nirgends einen derartigen Sturm der Ablehnung und Empörung ausgelöst hat wie gerade in seinem Heimatland. In einer ganz außergewöhnlichen Reaktion verstärkte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel noch den Druck auf den deutschen Papst und verlangte vom Pontifex eine Klarstellung. Es geht ihr um die „Grundsatzfrage“: Eine Holocaust-Leugnung darf nicht sein.

Deftige Kritik kam allerdings auch von einem anderen Kontinent: „Was der Papst da macht, ist eine riskante Politik“, ging der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff mit Benedikt XVI. ins Gericht. „Die Traditionalisten werden sich mit diesem Sieg nicht zufriedengeben.“ Boff befürchtet, dass sie hinter das Reformkonzil zurückwollen und so eine Kirchenspaltung lostreten. So hat denn auch schon einer der begnadigten Bischöfe, Bernard Tissier de Mallerais, angekündigt, dass die Traditionalisten ihre Positionen nicht ändern, „sondern Rom bekehren“ wollten.

Selbstkritik nach außen, was Fehler im Management der Kurie und einen Mangel der Kommunikation im Vatikan angeht. Das ist das eine. Einer kircheninternen Suche nach „Verantwortlichen“ dagegen dürften Grenzen gesetzt sein. Denn der konservative Joseph Ratzinger hat die Wiederannäherung dieser Traditionalisten ganz offensichtlich durchaus gewollt, weil die „Einheit der Kirche“ sein hehres Ziel ist. Wenn es darum geht, ob die Rücknahme der Exkommunikation der riskante Schritt zum falschen Zeitpunkt war, dann steht der Präsident der zuständigen Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“, der kolumbianische Kardinal Darío Castrillon Hoyos, im Kreuzfeuer. Ihm hätte doch wohl klar sein müssen, welches Weltbild der Holocaust-Leugner hat. Und welche Rolle spielte dabei Benedikts engster Vertrauter, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der die ganze Sache schon als beigelegt betrachtet?

Der Ruf nach Sanktionen ist schon laut geworden. Hoyos könne jetzt nicht sagen, Williamson nicht gekannt zu haben, monierte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und verlangte „Konsequenzen“. Gleichzeitig tut ihm der Papst leid, weil die Vermengung der Holocaust-Leugnung mit der Wiederaufnahme der vier Traditionalisten in der öffentlichen Wahrnehmung ein Unglück sei. Was auch immer Benedikts Berater ihm nahelegen, die nächste Gelegenheit, sich dazu zu äußern, böte sich an diesem Mittwoch: Die Generalaudienz lässt immer Raum für Statements. Sofern nicht auch Joseph Ratzinger diese Angelegenheit als erledigt ansieht, hat er sich doch von Williamson klar und offen distanziert.

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