Analyse: Biden überbringt Botschaft des Aufbruchs

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Deutsche Presse-Agentur

Oft sind es auch die kleinen Gesten, die zählen. Als Joe Biden ans Podium tritt, hängt dort das Siegel der Vereinigten Staaten von Amerika: ein Weißkopfseeadler, der in der rechten Kralle einen Olivenzweig, in der linken Kralle ein Bündel Pfeile hält.

Verziert ist das Siegel mit der lateinischen Inschrift „E Pluribus Unum“ - aus vielen Eines. Die Rede, die der US-Vizepräsident am Samstag bei der Münchner Sicherheitskonferenz hält, ist mehr dem Friedenssysmbol des Olivenzweiges verpflichtet. Und wenn die USA künftig doch zu den Pfeilen greifen, will die verbliebene Supermacht ihre Partner fragen, verspricht der 66-jährige Biden. „Ich meine das ganz ehrlich: Wir brauchen Ihren Rat.“

Aus vielen Eines machen: ein gutes Motto für die anstehende Reparaturphase der transatlantischen Beziehungen. Es waren zuletzt nicht mehr allzuviele Staaten in Europa, die in unverbrüchlicher Treue zu den USA standen und ihrem Präsidenten George W. Bush bedingungslos folgten wollten. „Wir müssen den Knopf für den Neustart drücken“, sagte Biden und es war für den Moment gar nicht so wichtig, bis ins Kleinste zu wissen, was Barack Obama, der 44. US-Präsident, denn nun anders oder besser machen will. Die Präsidenten, Regierungschefs, Minister, Militärs wollten schlicht eine Botschaft des Aufbruchs hören.

Und die lieferte Biden, der ausgewiesene außenpolitische Experte - unaufgeregt, lässig und durchaus herzlich. Wohldosiert, in schlichten Sätzen skizzierte er die Linien einer künftigen amerikanischen Außenpolitik: „Wir sind entschlossen, nicht nur in Washington einen neuen Ton anzuschlagen, sondern in den amerikanischen Beziehungen mit der gesamten Welt.“ Die USA schwören der Folter ab, suchen den Dialog selbst mit dem der atomaren Aufrüstung verdächtigen Iran, wollen mit Russland wieder ein Verhältnis auf Augenhöhe. Aber alles hat seinen Preis: „Die gute Nachricht ist: Amerika wird mehr tun. Die schlechte Nachricht ist: Amerika wird auch von unseren Partnern mehr verlangen.“

Bei diesen Worten dürften Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere europäische Spitzenpolitiker unter den mehr als 350 handverlesenen Gästen aufgehorcht haben. Auch das Amerika nach dem Machtwechsel wird Ansprüche formulieren, die die Verbündeten Geld, das Leben von Soldaten und Popularität bei den Wählern kosten. Biden machte ganz klar, dass die USA diejenigen bekämpfen werde, deren Extremismus größer als die Vernunft ist. Ungeachtet der harschen und provozierenden Worte von Irans Parlamentspräsident Ali Laridschani am Vortag, ließ sich Biden in seiner Grundsatzrede nicht zu einem verbalen Zurückschlagen hinreißen. „Amerika wird seine Hand für alle ausstrecken, die ihre Faust öffnen wollen.“

Angesichts der großen Erwartungen an die Rede Bidens war klar, dass andere mit ihrem Beitrag zurückstehen mussten. Bundeskanzlerin Merkel wählte einen optimistischen Ton - ungeachtet der schweren globalen Wirtschaftskrise und der Konflikte rund um den Globus. Im Vertrauen auf die Kraft der NATO und die politische Zusammenarbeit in Europa wischte sie düstere Zukunftsszenarien einfach weg: „Ich bin voller Optimismus, wir haben so viel miteinander geschafft.“

Und der gewohnt temperamentvolle Nicolas Sarkozy ließ keinen Zweifel daran, dass nur ein selbstbewusstes Frankreich ein guter Garant für Sicherheit auf beiden Seiten des Atlantiks ist. Und in diesem Sinne rief der kleine Franzose voller Verve und geradezu glühender Überzeugung dazu auf, den Wandel in Amerika mit einem Wandel in Europa zu begleiten: „Möchten Sie Frieden, oder möchten Sie in Frieden gelassen werden? Das ist nicht das selbe: nicht die selbe Politik, nicht die selbe Strategie - und vor allem nicht die selben Konsequenzen. Ich möchte, dass Sie darüber nachdenken.“

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