Analyse: Arbeitsmarkt doch nicht krisenresistent

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Deutsche Presse-Agentur

Am Ende kam die Katerstimmung schneller auf als gedacht. Nach ersten Warnsignalen im Spätherbst 2008 ist der deutsche Arbeitsmarkt zum Jahresbeginn 2009 voll in den Abwärtsstrudel der Wirtschaftskrise geraten.

Mit dem stärksten Anstieg der Erwerbslosenzahlen seit drei Jahren auf 3,489 Millionen wächst auch bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Sorge vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage. Die auf dem Höhepunkt des Job-Booms geäußerten Hoffnungen, der Arbeitsmarkt könnte sich als krisenresistent erweisen, sind endgültig geplatzt. Die Auftragsflaute der Firmen schlägt rasch auf deren Belegschaften durch.

Was die Bundesagentur-Führung dabei sichtlich verunsichert, ist der Mangel an zuverlässigen Prognosen über die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt. Selbst das hauseigene Forschungszentrum der Bundesagentur, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wagt kaum noch eine konkrete Festlegung. Stattdessen wollen die Arbeitsmarktforscher im Laufe des Februars nur noch einen „Korridor“ bestimmen, in dem sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende bewegen könnte. BA-Chef Frank-Jürgen Weise ist gleichwohl klar: „Wir stellen uns darauf ein, dass es steigende Arbeitslosenzahlen geben wird“, sagte er am Donnerstag.

Derweil klammert sich die Bundesagentur vor allem an einen Strohhalm: Die Hoffnung, dass die Krise nur von kurzer Dauer ist - kurz genug, um sie mit längerer Kurzarbeit zu überbrücken. Mit Entlassungswellen, so die Appelle der Nürnberger Bundesbehörde, würden sich Unternehmen bei einem Anspringen des Konjunkturmotors etwa im Frühjahr 2010 nur ins eigene Fleisch schneiden; womöglich würden ihnen dann die Fachkräfte fehlen, mahnt die BA - und erinnert an die Aufschwungphase 2005. Damals hatten viele Firmen Aufträge ablehnen müssen, weil sie ihre Belegschaften nicht rasch genug aufstocken konnten.

Klar ist inzwischen auch: Mit der bevorstehenden Krise gehen für die Bundesagentur auch die Zeiten gut gefüllter Kassen zu Ende. Nach der dritten Beitragssenkung innerhalb weniger Jahre und angesichts der drohenden Ausgabenflut könnten die derzeitigen Rücklagen von rund 17 Milliarden Euro binnen zwei Jahren aufgezehrt sein. Allein in diesem Jahr hält etwa BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker ein Defizit von mehr als 10 Milliarden Euro für möglich - vier Milliarden Euro mehr als geplant. Auch die Arbeitsmarktreform von Mitte des Jahrzehnts steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Vor allem die Jobcenter müssen beweisen, dass sie Langzeitarbeitslose in Schlechtwetterphasen nicht im Regen stehen lassen.

Auch wenn die Aussicht für den Arbeitsmarkt düster ist, die aktuelle Lage ist es keineswegs. So hatten die Arbeitsagenturen knapp eine halbe Million freie Stellen in ihrer Datenbank gespeichert - 90 Prozent davon waren sofort zu besetzen. „Der Arbeitsmarkt funktioniert im Wesentlichen noch“, betonte denn auch BA-Manager Becker. Gute Chancen haben vor allem Mitarbeiter in der Pflege, im Bildungs- und Gesundheitsbereich. „Da gibt es noch viele offene Stellen“, sagte Becker. Trotz der Krise in der Automobilbranche sind nach seinen Angaben sogar noch Metallhandwerker, Elektriker und Schlosser gesucht. Weit oben auf der Top Ten der meistgesuchten Arbeitskräfte rangieren auch Verkäufer, Warenkaufleute, Kellner und Ingenieure.

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