Analyse: Araber zwischen Hoffnung und Ängsten

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Deutsche Presse-Agentur

Schon in den ersten Stunden seiner Amtszeit hat Barack Obama einen Kurswechsel auf den drei Gebieten angedeutet, die für die Araber besonders sensibel sind: Die US-Truppen im Irak, der arabisch-israelische Konflikt und das völkerrechtlich fragwürdige Gefangenenlager Guantánamo.

Trotzdem dominiert am Tag nach der Amtseinführung in der arabischen Welt nicht Begeisterung über die zupackende Art und den Elan des neuen Mannes im Weißen Haus, sondern die Freude darüber, dass sein Vorgänger George W. Bush abtreten muss.

„Endlich hat Bush das Weiße Haus verlassen (...), er hinterlässt ein blutiges Erbe“, kommentiert die libanesische Zeitung „Al-Safir“. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA stellt an diesem Mittwoch ein schmeichelhaftes Foto von Obama neben ein Archiv-Bild von Bush, der sich vor dem heranfliegenden Schuh des irakischen Journalisten Muntasser al-Saidi in Sicherheit bringt. „Obama betritt das Weiße Haus durch eine große Tür, während Bush es durch die kleinste Tür verlässt“, höhnt SANA. Die syrische Führung unter Präsident Baschar al-Assad hofft nach Angaben aus Regierungskreisen nun auf einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Washington und Damaskus. Der erste Schritt wäre nach Ansicht syrischer Beobachter die Entsendung eines US-Botschafters nach Syrien.

Die Palästinenser, die Bush stets vorgeworfen hatten, sein Bekenntnis zur Gründung eines palästinensischen Staates sei nie mehr als eine leere Worthülse gewesen, glauben ohnehin, dass es mit Obama nur besser werden kann. Doch Chalid Abdulmadschid, ein Sprecher der radikalen Palästinenserfraktionen in Damaskus kritisiert, „dass Obama die Sache der Palästinenser in seiner Antrittsrede mit keiner Silbe erwähnt hat“. Dass Obama über die gerade erst beendete israelische Militäroffensive im Gazastreifen kein Wort verloren habe, sei ebenfalls bedauerlich.

Im Irak, wo die USA derzeit noch mehr als 140 000 Soldaten stationiert haben, sieht es auf den ersten Blick so aus, als sei die Antrittsrede Obamas, in der er von einem „verantwortungsvollen“ Rückzug aus dem Irak sprach, gut angekommen. „Wir sind froh, dass er in seiner Rede klargemacht hat, dass er seine Wahlkampfversprechen zur US-Politik im Irak wahr machen will“, erklärt der Abgeordnete Abbas al-Bajati, der für die Allianz der Schiiten im Sicherheitsausschuss des Parlaments sitzt. „Obama hat gezeigt, dass er nicht auf Parteien und Einzelpersonen setzt, so wie sein Vorgänger, sondern auf Institutionen“, lobt Ijad al-Samarrai von der sunnitischen Konsensfront.

Auch die Bemerkung Obamas, dass die Iraker ihre Angelegenheiten künftig am besten selbst regeln sollten, loben am Tag darauf viele irakische Politiker. Denn wenn sie Obama für diese Haltung nicht loben würden, stünden sie nach irakischer Lesart als Verräter ohne Nationalstolz da. Doch gräbt man in Bagdad etwas tiefer, stellt sich heraus, dass Obamas neuer Kurs vielen Irakern gerade deshalb Angst macht, weil sie ihren Landsleuten und den von Korruption zerfressenen irakischen Institutionen nicht trauen. Deshalb hatte Ministerpräsident Nuri al-Maliki auch darauf gedrungen, das Stationierungsabkommen, das den Verbleib von US-Truppen im Irak bis Ende 2011 vorsieht, noch vor dem Abgang von Präsident Bush unter Dach und Fach zu bringen.

Die irakische Regierung soll jetzt laut einem Bericht der halbamtlichen Tageszeitung „Al-Sabah“ einen Notfallplan vorbereitet haben für den Fall, dass die US-Truppen doch schneller als erwartet abziehen. „Diejenigen, die ein rasches Ende der US-Besatzung im Irak fordern, sind Träumer und Idealisten“, meint ein Journalist, der einst zu den Gegnern der US-Invasion zählte. „Wenn die Amerikaner abziehen, dann bricht hier das große Chaos aus.“

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