Analyse: Anleger auf der Flucht

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Deutsche Presse-Agentur

Anleger auf der Flucht: Die Welle schlechter Wirtschaftsnachrichten drückt die Börsen weltweit auf Tiefstände wie seit Jahren nicht mehr. In New York, Tokio und Frankfurt sind die Aktienmärkte auf Talfahrt.

An der Wall Street sackte der Dow Jones auf den tiefsten Stand seit Oktober 1997, in Tokio schloss der TOPIX am Dienstag auf dem tiefsten Stand seit 25 Jahren. Der DAX in Frankfurt fiel zu Wochenbeginn erstmals seit Oktober 2004 unter die psychologisch wichtige 4000-Punkte-Marke. Ein Ende des Absturzes war auch am Dienstag zunächst nicht zu erkennen.

Experten sprechen von einem Ausverkauf und halten diesen angesichts der Verunsicherung wegen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise für noch lange nicht beendet. Gleichwohl hält das Werben für Aktien als Geldanlage an - für Anleger mit langem Atem. „Der Ausverkauf ist noch nicht beendet“, meint der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. „Die Aktienmärkte sind verunsichert wegen der Diskussion um die Banken: Wie wird es gelingen, den Bankensektor wieder zu stabilisieren? Wer wird das bezahlen?“

Der DAX hat einen beispiellosen Absturz hinter sich. Mitte Juli 2007 hatte der Index der 30 gewichtigsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland im Handelsverlauf die Rekordmarke von 8151,57 Punkten erreicht. Auch ins Jahr 2008 war der Leitindex, der als Gradmesser für die deutsche Wirtschaft gilt, mit über 8000 Punkten gestartet - dann begann die Talfahrt. Bank- und Autowerte verloren zweistellig. Ab der zweiten Jahreshälfte 2009 rechnet Kater wieder mit besseren Konjunkturdaten, in deren Folge sich auch die Stimmung an den Börsen aufhellen dürfte.

Zunächst jedoch hält die Erosion an. Schon im vergangenen Jahr flüchteten Anleger in Scharen: Im zweiten Halbjahr sank die Zahl der Aktien- und Fondsbesitzer in Deutschland im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2008 um gut eine Million oder 10,6 Prozent auf 8,8 Millionen, wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) errechnet hat. Hielt im Jahr 2001 noch jeder Fünfte hierzulande Aktien oder Fonds, sind es nach diesen Zahlen nun nur noch 13,5 Prozent. Für die deutsche Fondsbranche war 2008 laut Branchenverband BVI das schlechteste Jahr ihrer Geschichte. Anleger zogen allein aus Publikumsfonds, zu denen auch Aktienfonds zählen, unterm Strich 27,8 Milliarden Euro ab und investierten lieber in Fest- und Tagesgeld. Hinzu kommt: Sinkt ein Index unter eine wichtige Schwelle, trennen sich viele Investoren automatisch von Papieren, um Verluste zu begrenzen.

Die Turbulenzen an den Märkten haben vielen der ohnehin eher börsenfernen deutschen Anleger das letzte bisschen Vertrauen in Aktien genommen. Die Diskussion um eine mögliche Enteignung von Anteilseignern des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) hat nach Einschätzung von Experten zusätzlich Ängste geschürt - auch wenn die Politik versichert, dies sei nur die ultima ratio in einem einzigen Fall. „Derzeit wird aus kleinsten negativen Botschaften Panik gemacht“, beobachtet Joachim Goldberg von der Gesellschaft für verhaltensorientierte Kapitalmarktanalyse Cognitrend. „Natürlich sind die Fakten bestürzend, aber wir haben es nicht mit einer Situation wie im Oktober vergangenen Jahres zu tun, als alles außer Kontrolle geriet.“ Damals hatte die Pleite der US- Investmentbank Lehman Brothers die Märkte weltweit in Panik versetzt.

Richard Stehle, Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Berliner Humboldt-Universität hält Aktien trotz der aktuellen Verwerfungen nach wie vor für ein gutes Investment: „Ich bin Optimist: Ich glaube, dass jemand, der 10 bis 20 Jahre in Aktien investiert, pro Jahr damit im Schnitt acht Prozent verdienen wird.“ Zwar sei es durchaus möglich, dass manche Titel noch 30 bis 40 Prozent an Wert verlören, sagte Stehle. Doch wer über finanziellen Puffer verfüge, könne auch in Zukunft bedenkenlos langfristig in Aktien investieren, sagt der 62-Jährige, der selbst Aktionär ist.

Aktieninstituts-Chef Rüdiger von Rosen fordert indes ein „Konjunkturprogramm für die Aktie“ unter anderem in Form von Steuererleichterungen. Zudem seien „Millionen von Sparern auch auf Dividenden angewiesen, weil sie Geld für ihre Altersvorsorge in Aktien investiert haben“, sagt von Rosen. Bei Konzernen, die - wie die Commerzbank - Staatshilfe angenommen haben, fällt diese Ausschüttung jedoch erstmal aus. Anleger der inzwischen teilverstaatlichten Bank bleibt nur, was der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Torsten Albig, im Oktober recht drastisch fasste: „Die Alternative wäre, dass die ihre ganzen Anteile irgendwo ans Klo nageln können, um es mal ganz deutlich zu sagen.“

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