Amerika jubelt: Obama ist endlich Präsident

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Deutsche Presse-Agentur

Wandel in Amerika - Hoffnung für die Welt: Vor Millionen begeisterten Menschen in Washington und Milliarden Fernsehzuschauern rund um den Globus hat Barack Obama seinen Amtseid als 44. Präsident der USA abgelegt.

Rund 150 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei zieht erstmals ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus ein. Er löst George W. Bush ab, der nach acht Amtsjahren Washington an Bord eines Hubschraubers verließ.

In einer kraftvollen und mitreißenden Rede auf den Stufen des Kapitols stimmte der selbstbewusst auftretende 47-Jährige seine Landsleute am Dienstag angesichts der Kriege in Irak und Afghanistan und der Wirtschaftskrise auf schwere Zeiten ein. Doch ließ er keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner unter seiner Führung die Herausforderungen meistern werden. Obamas Amtsantritt begleiten in den USA, aber auch weltweit große Hoffnungen und Zustimmung.

„Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind ernsthaft und sie sind zahlreich“, sagte Obama. „Sie werden nicht leicht oder kurzfristig zu meistern sein. Aber wisse, Amerika: Wir werden sie meistern.“ Der neue Präsident hob die kulturelle Vielfalt der USA hervor: „Wir wissen, dass unser zusammengewürfeltes Patchwork-Erbe eine Stärke ist, keine Schwäche. Wir sind eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus - und Nicht-Gläubigen. Wir sind geprägt durch jede Sprache und Kultur, aus jedem Winkel dieser Erde.“

Obama appellierte an die Werte der Gründerväter der Vereinigten Staaten. „Die Herausforderungen sind vielleicht neu, auch die Mittel mit denen wir ihnen begegnen sind vielleicht neu“, sagte er. „Aber die Werte, auf denen unser Erfolg fußt - harte Arbeit und Ehrlichkeit, Mut und Fair Play, Toleranz und Neugier, Loyalität und Patriotismus - diese Werte sind alt. Diese Werte sind wahr.“

Obama kündigte an, die USA in eine neue Ära des Friedens zu führen. „Wir weisen die Wahl zwischen Sicherheit und unseren Idealen zurück“, sagte er. Amerikas Ideale leuchteten noch immer in der Welt. „Und so sage ich zu allen Völkern und Regierungen, die heute hier zusehen, ... Amerika ist ein Freund jeder Nation und jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes, die nach einer Zukunft in Frieden und Würde suchen - wir sind wieder bereit zu führen“.

In den Hauptstädten der traditionell Verbündeten der USA wurde der Amtswechsel im Weißen Haus mit enormen Hoffnungen verbunden. Das Ansehen der USA hat unter Bush schwer gelitten: die fragwürdige Rechtslage beim Einmarsch in den Irak, Folter im Kampf gegen den Terror und das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba - das für viele als Symbol für die Verletzung der Menschenrechte steht.

Bundespräsident Horst Köhler gratulierte Obama zum Amtsantritt. Zuvor hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre besten Wünsche übermittelt. „Ich hoffe, dass unsere Zusammenarbeit dadurch geprägt ist, dass man einander zuhört, Entscheidungen auf der Grundlage trifft, dass nur ein Land alleine die Probleme der Welt nicht lösen kann, sondern dass wir das nur gemeinsam miteinander schaffen“, sagte Merkel.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erklärte, er wolle mit Obama „die Welt ändern“. Der britische Premierminister Gordon Brown sagte, „die ganze Welt ... ist Zeuge eines neuen Kapitels in der amerikanischen Geschichte und der Geschichte der Welt.“

Der erste schwarze US-Präsident kündigte gegenüber der muslimischen Welt einen „neuen Weg nach vorne“ an, der begründet sei auch mit „gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Respekt“. Regierungen, die sich mit Korruption, Betrug und der Unterdrückung der Meinungsfreiheit an der Macht hielten, seien auf „der falschen Seite der Geschichte“. Aber Amerika strecke die Hand zu jenen aus, „die bereit sind, ihre Faust zu öffnen.“

George W. Bush verließ derweil Washington zusammen mit Frau Laura an Bord eines Helikopters der Streitkräfte. Obama, Ehefrau Michelle, Vizepräsident Joe Biden und dessen Frau Jill winkten ihnen zum Abschied zu. Bush legte noch einen Zwischenstopp auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington ein und wollte dann nach Texas weiterfliegen. Die erste Nacht nach dem Ende seiner Amtszeit wollten die Bushs auf ihrer Ranch in Crawford verbringen.

Unmittelbar vor seiner Antrittsrede hatte der fünftjüngste Präsident in der US-Geschichte seinen Amtseid auf die Bibel seines politischen Idols und Vorgängers Abraham Lincoln abgelegt, der 1863 die Abschaffung der Sklaverei verkündet hatte. Obama hob die rechte Hand zum Schwur und sprach die Eidesformel: „Ich, Barack Hussein Obama, schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich verwalten und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen will. So wahr mir Gott helfe.“

Zuvor war bereits der langjährige Senator und Außenpolitik-Experte Joe Biden als Vizepräsident vereidigt worden. Nach der Zeremonie war eine große Parade vom Kapitol zum Weißen Haus mit rund 10 000 Teilnehmer geplant. Schon Stunden vor der historischen Amtseinführung hatten sich Hunderttausende begeisterte Menschen vor dem Kapitol versammelt.

Nach einer Umfrage der „New York Times“ sehen vier von fünf Amerikanern Obamas ersten Amtszeit zuversichtlich entgegen. Auch rund um den Globus hoffen Regierungen, dass die USA eine verantwortungsvolle Führungsrolle in der internationalen Politik übernehmen werden.

Bush hinterlässt ein schwieriges Erbe: Die USA sind gezeichnet von der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, Zehntausende amerikanische Soldaten kämpfen im Irak und in Afghanistan. US-Medien zufolge will sich Obama schon an diesem Mittwoch mit den Spitzen der Streitkräfte und Militärberatern treffen. Auch stehe der Kampf gegen die schwere Wirtschaftskrise ganz oben auf seiner Liste.

Vor der Vereidigung kamen Obama, seine Frau Michelle sowie Vizepräsident Biden und dessen Frau Jill in Washington zu einem Gottesdienst zusammen. Der Kirchgang in der St. John's Episcopal Church hat Tradition für angehende Präsidenten. Danach kamen die Obamas mit dem scheidenden Präsidenten Bush und dessen Frau Laura im Weißen Haus zu einem privaten Treffen zusammen.

Die amerikanische Hauptstadt hatte seit dem frühen Morgen einen Massenansturm erlebt. Die U-Bahnen waren völlig überfüllt. Die National Mall, die drei Kilometer lange Parkanlage zwischen Kapitol und Lincoln-Denkmal, war voller Menschen. Es herrschte Volksfeststimmung, immer wieder brach Jubel aus. Bei Temperaturen um Minus sieben Grad zogen die Menschen mit Decken und Schlafsäcken ins Stadtzentrum, viele trugen Obama-Mützen, Obama-Schals und Obama- Sweatshirts. An Kontrollposten zu den Zuschauerzonen rund um das Kapitol bildeten sich hunderte Meter lange Menschenschlangen. Das größte Spektakel, das die US-Hauptstadt je gesehen hat, sicherten mehr als 40 000 Soldaten und Polizisten.

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