Alison Lurie: „Paare“ in der Beziehungskrise

Lesedauer: 4 Min
Deutsche Presse-Agentur

„An einem heißen Sommervormittag blickte Jane Mackenzie nach über sechzehnjähriger Ehe aus einer Entfernung von fünfzehn Metern auf ihren Mann und erkannte ihn nicht.“ Schon der Beginn von Alison Luries Beziehungsgeschichte „Paare“ weckt hohe Erwartungen an die Qualität des Buches.

Von der Amerikanerin, die für ihren Roman „Affären“ den Pulitzer-Preis nach Hause getragen hat, ist man ohnehin stilistische Eleganz und psychologisches Gespür gewöhnt. Ihr neues Werk enttäuscht da nicht, auch wenn das Buch auf den Kreis kultivierter Mittelschicht-Leser zugeschrieben ist, die zwar noch in den besten Jahren sind, die besten Zeiten ihrer Ehe aber schon lange hinter sich gelassen haben.

Lurie öffnet nur einen, wenn auch entscheidenden Ausschnitt im Eheleben des Akademikerpaares Jane und Alan: Die beiden waren bisher ganz zufrieden, lebten sie doch geborgen hinter den dicken Mauern ihres idyllischen Hauses, ohne finanzielle Sorgen oder Mangel an Kontakten. Während er Architekturvorlesungen gab, kümmerte sie sich um die Organisation von Stipendien. Doch dann wird Alan krank. Geplagt von ständigen Rückenschmerzen verwandelt sich der charmante Gatte in einen mürrischen Mitbewohner, dem Jane geduldig zu helfen versucht, bis sie selbst die Geduld verliert.

Just in dieser kritischen Phase ihrer Partnerschaft schneit die kapriziöse Schriftstellerin Delia - ihren gradlinigen Mann Henry im Schlepptau - in das verschlafene Universitätsnest. Ein paar zuckersüße Komplimente aus ihrem verlockenden Mund, und um Alan ist es geschehen. Während er sich, sooft es seine egomanische Geliebte erlaubt, mit Delia heimlich im Büro vergnügt, bahnt sich zwischen der bodenständigen Jane und Henry ebenfalls eine Beziehung an. Denn auch wenn Henry, was Lurie öfter und wohl im Bemühen um geeignete Metaphern betont, kleiner ist als der Gatte, so bietet ihr doch ein gemeinsamer Spaziergang unter seinem großen schwarzen Regenschirm mehr Schutz.

Der Betrug stürzt Jane allerdings in einen Gewissenskonflikt - ist er doch „etwas, was wunderbar und richtig, aber auch selbstsüchtig und schlimm ist“. Der von Delia vollkommen benebelte Alan hingegen erlebt das Eheleben an ihrer Seite fortan als „Langeweile, graue Pflichterfüllung, Tristesse“.

Lurie hat eine illusionslose Geschichte über die Endlichkeit der Liebe geschrieben, deren Glaubwürdigkeit nur deshalb geschmälert wird, weil sich ihre Figuren selbst in Momenten tiefster Verletzung zu kultiviert verhalten. Gleichwohl ist, was sie schreibt, meist stimmig. Vor allem den Charakter des leidenden Alan, der sein Ego nur zu gern und ohne Skrupel aufpäppeln lässt, trifft sie exakt. Außergewöhnlich ist aber vor allem ihre immer mit einem Hauch Ironie gewürzte Sprache, wegen der „Newsweek“ sie schon einmal in die Nähe von Jane Austen gerückt hat, und die im Spätwerk der 82-jährigen zu vollendeter Geschliffenheit gereift ist.

Alison Lurie

Paare

Diogenes Verlag, Zürich

308 S., Euro 20,90

ISBN 978-3-2570-6669-2

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen