Abwrackprämie - Verschrotten zum Wohle der Wirtschaft

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Deutsche Presse-Agentur

Die Autoindustrie ist in einer schweren Krise. Wegen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten und den damit verbundenen Rezessionsängsten will sich fast niemand mehr einen Neuwagen kaufen.

Die Verbraucher halten lieber das Geld beisammen und fahren ihr altes Auto weiter. Dadurch stehen Neuwagen zu Tausenden bei den Händlern auf Halde. Die große Koalition hat sich deshalb am Montagabend (12. Januar) auf eine Unterstützung der Autobauer verständigt: Mit Hilfe einer Abwrackprämie soll der Überhang wieder schrumpfen und die Branche neue Hoffnung schöpfen. Dafür, dass sie ihr altes Auto in die Schrottpresse geben, so der Beschluss, zahlt der Staat Verbrauchern einen Zuschuss beim Kauf eines Neuwagens.

Union und SPD einigten sich darauf, Altautobesitzern eine einmalige „Umweltprämie“ in Höhe von 2500 Euro zu zahlen, wenn sie ihr bisheriges, mindestens neun Jahre altes Fahrzeug verschrotten lassen. Im Gegenzug muss der Besitzer einen Neuwagen kaufen und diesen noch in diesem Jahr zulassen. Für diese Art von Absatzförderung will die große Koalition im Rahmen ihres zweiten Konjunkturpaketes 1,5 Milliarden Euro bereitstellen.

Das bereits seit Wochen diskutierte Vorhaben trifft auf breite Zustimmung. In seltener Einigkeit erhoffen sich Politik, Verbände, Hersteller, Gewerkschaften und Automobilclubs davon eine Ankurbelung des darbenden Neuwagengeschäfts. Die Prämie wäre ein weiterer Anreiz neben der schon von der Bundesregierung beschlossenen befristeten Steuerbefreiung für Neuzulassungen. Jedoch kursieren unterschiedliche Auffassungen darüber, was sie tatsächlich bewirkt.

So erwartet die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) von der Regelung einen „starken Nachfrageimpuls“. „Wir prognostizieren bei einer Prämie von 2500 Euro beim Kauf eines umweltfreundlichen Neuwagens einen höheren Inlandsabsatz im laufenden Jahr um etwa 300 000 Pkw“, sagt Harald Kayser, Leiter des Automotive-Bereichs von PwC in Frankfurt. Die Prämie sei auch deshalb sinnvoll, weil der Pkw-Bestand in Deutschland so alt wie noch nie sei. Das Durchschnittsalter liege derzeit bei 8,5 Jahren. Rund 3,8 Millionen Fahrzeuge seien sogar 16 bis 25 Jahre seit ihrer Erstzulassung unterwegs.

Auch der ADAC in München befürwortet, die Verschrottung von Altautos zu fördern. Der Club verspricht sich eine Modernisierung und Erneuerung der Fahrzeugflotte. „Der Pkw-Bestand wird schneller von älteren und aus Umweltgesichtspunkten schlechteren Fahrzeugen befreit“, sagt Ulrich Klaus Becker, ADAC-Vizepräsident für Verkehr. „Profitieren würde neben der Autoindustrie vor allem der Personenkreis, der den größten Teil an alten Pkw besitzt und sich aus wirtschaftlichen Gründen bislang kein neueres Fahrzeug leisten konnte.“

Der ADAC schlägt jedoch vor, eine Abwrackprämie nur Besitzern von Pkw zu gewähren, „die bestenfalls die Euro-1-Abgasnorm erfüllen“. Auch bei der Stilllegung „von nachträglich auf Euro-2 aufgerüsteten Autos“ sollte die Prämie gezahlt werden. Dazu müsse sichergestellt sein, dass die Autos mindestens ein halbes Jahr in Deutschland zugelassen waren und dauerhaft aus dem deutschen Pkw-Bestand entfernt werden.

Dagegen bleibt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) skeptisch, was eine Abwrackprämie tatsächlich bewirkt. Zwar sei es aus Umweltsicht durchaus zu begrüßen, wenn etwa alte Dieselstinker, für die es keinen Partikelfilter zum Nachrüsten gibt, endgültig stillgelegt werden, sagt VCD-Sprecher Gerd Lottsiepen in Berlin. Bei alten Benzinern komme es darauf an, ob der Neuwagen, der gekauft wird, sparsamer ist. Denn in der gesamten Ökobilanz sei der Gebrauch des Fahrzeugs entscheidend. Auf ihn entfielen 80 bis 90 Prozent der Umweltbelastungen, auf die Produktion lediglich 10 bis 20 Prozent.

Doch die Hoffnungen auf wirtschaftliche Besserung, die an eine Abwrackprämie geknüpft werden, teilt Lottsiepen keineswegs: „Es heißt ja immer, dass dadurch neue Autos gekauft werden. Doch wer ein zwölf Jahre altes Auto fährt, gehört ja nicht zu den Betuchtesten.“ Und wer eine Abwrackprämie bekäme, wäre laut Lottsiepen daher finanziell immer noch nicht in der Lage, sich einen Neuwagen zu kaufen.

Zusätzlich zu den 2500 Euro Prämie müssten ja noch 10 000 bis 20 000 Euro für den Rest aufgebracht werden. Lottsiepen hält das Gerede von der Abwrackprämie daher für „akute Scheinaktivität“ und „eine absolute Luftnummer“.

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