Wissenschaftler und Sportler

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Hans Stefan Wax blätterte in den Zeitungen von 1953

BIBERACH-"Die Reise Goethes durch Italien" ist das Thema eines Lichtbildervortrags, den das Volksbildungswerk Biberach am Freitagabend, dem 27. November 1953, im Pestalozzihaus veranstaltet. Referent ist der gebürtige Biberacher Dr. Hermann Lemperle, seines Zeichens Kunsthistoriker am Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart. Aus dem Bericht der "Schwäbischen Zeitung":

"Anhand schöner Lichtbilder erklärte Dr. Lemperle den Reiseweg, den der Kaufmann Möller, alias Johann Wolfgang Goethe, im Herbst 1786 von Karlsbad aus zunächst bis Rom zurücklegte. Man erlebte die Kunstwerke der Antike, die Goethe sah und bewunderte, und auch die, welche Goethe nicht sah, nämlich die Werke der christlichen Jahrhunderte, der Renaissance- und Barockzeit. Vor allem ist es das alte Rom, das ihn entzückte und das vor ihm in den mächtigen Ruinen aufstieg. Für das christliche Rom der Päpste im Mittelalter und der neueren Zeit hatte er kein Interesse. Die Werke der Alten erschienen Goethe deshalb so groß, weil sie ihm wahr erschienen. Er fand dort die edle Einfalt und stille Größe als die allein beachtenswerten Eigenschaften des Schönen. Dr. Lemperle zog Vergleiche mit der Kunstanschauung unserer Zeit, die sich frei machte von der alleinseligmachenden Antike, und machte die Einseitigkeit Goethes durch die Deutung seiner Zeit-Kunstanschauung klar, denn dieser Einseitigkeit erliegen oft ganze Menschengenerationen (auch die unsere).

Die Fülle der vorgeführten Bilder ermöglichte den Vortragsbesuchern, im Geiste die Reise Goethes mitzumachen, und Dr. Lemperle wußte so viele Einzelheiten von Land und Leuten in Italien einzuflechten, daß der Vortrag zu einem köstlichen Genuß wurde."

Hermann Lemperle (1906-1983) wuchs im Haus Marktplatz 16 auf, wo seine Eltern ein Textilgeschäft führten. Nach dem Besuch der Handelsschule in Biberach begann er in Stuttgart eine Textilkaufmannslehre, und bei den "Kickers", denen er sich angeschloßen hatte, errang er erste sportliche Erfolge. Durch diese ermuntert, machte er 1928 das Abitur nach und ließ sich an der Sporthochschule Köln einschreiben. 1932 wechselte er an die Wilhelm-Humboldt-Universität Berlin, um Kunstgeschichte zu studieren. Nach seiner Promotion - Dissertation über "Oberschwäbische Barockklöster in ihrem Bezug zur Landschaft" - gehörte er bis Kriegsbeginn dem wissenschaftlichen Mitarbeiterstab dieser Hochschule an. 1936 heiratete er Aphrodite "Dita" Franzmeyer, eine der ersten Kieferorthopädinnen in Deutschland. Während er den ganzen Krieg über an der Front stand, suchte seine Familie 1943 Schutz vor den feindlichen Bomben in Biberach, um dann schließlich 1949 nach Stuttgart überzusiedeln.

Ab Ende der zwanziger Jahre finden wir Hermann Lemperle in der Spitzenklasse der deutschen Zehnkämpfer, und 1928 wurde er, inzwischen Mitglied beim SC Köln-Marienberg, in die Mannschaft für die Olympischen Spiele in Amsterdam berufen. Patzer beim Stabhochsprung verhinderten freilich eine herausragende Platzierung. 1932 war es eine Verletzung, die einer Nominierung für die Spiele in Los Angeles im Weg stand. Bei den Spielen 1936 in Berlin trug er als Fackelläufer das olympische Feuer bis zum Stadion (im Bild).

Die Bronzeplastik "Der Zehnkämpfer", für die er dem Bildhauer Georg Kolbe Modell stand, befindet sich heute noch im Olympiastadion in Berlin.}

Hermann Lemperle mit dem Olympischen Feuer in Berlin 1936

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