Der richtige Mann zum richtigen Zeit

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WEINGARTEN - In seine Amtszeit ist eine der wichtigsten Abschnitte in der Entwicklung der Stadt Weingarten gefallen: Sein Name bleibt verbunden mit dem Beginn der Innenstadtsanierung. Seit mehr als einem Jahrzehnt lebt er schon im Ruhestand; heute feiert er - fit wie ein Junger - seinen 75. Geburtstag: Alt-Oberbürgermeister Rolf Gerich.

Von unserem Redakteur Peter Engelhardt

Rolf Gerich, Nachfolger von Richard Mayer, war der richtige Mann zur richtigen Zeit gewesen. Seine Amtszeit in der Mitte der 70-er Jahre begann allerdings mit einem längere Zeit andauernden Ärgernis: Ein Bürger hatte die Wahl angefochten, weshalb Gerich rund ein Jahr lang nur als Amtsverweser regieren konnte.

Dies freilich war bald Schnee von gestern. Entschieden nachhaltiger wirkte sich ein Ereignis aus, das von den Weingartenern zwar erhofft worden war, an das jedoch nicht alle geglaubt hatten: das staats gerichtliche Urteil zugunsten der Unabhängigkeit der Stadt Weingarten. Am Tag des Urteils, am 15. Februar, vier Monate vor der Wahl Gerichs zum Stadtoberhaupt, brach dann in Weingarten ein unbeschreiblicher Jubel aus.

Ständige Beobachter der kommunalen Szene kommen an der Erkenntnis wohl nicht vorbei, dass die Unabhängigkeit der Stadt ein Segen für Weingarten gewesen war. Es ist kaum anzunehmen, dass Weingarten als Teil der Bandstadt (mit Baindt, Baienfurt und Weingarten sowie dem Zentrum in Ravensburg) die gleichen Möglichkeiten in puncto Innenstadtsanierung gehabt hätte wie als selbstständige Kommune.

Jetzt schlug die Stunde des frisch gebackenen Oberbürgermeisters Gerich. Mit einem respektablen Kraftakt wurde die Innenstadtsanierung eingeläutet, beginnend mit dem Löwenplatz, heute Ort zahlloser Festivitäten und des Wochenmarkts. Weitere Eckpfeiler der Stadtsanierung in der Ära Gerich: Sanierung des Krankenhauses, Errichtung der Seniorenbegegnungsstätte "Haus am Mühlbach", Erweiterung des Schul- und Sportzentrums und - besonders spektakulär - des Kultur- und Kongresszentrums.

Nicht wenige rümpften die Nase und tun dies immer noch, was die ihnen hoch erscheinenden Unterhaltungskosten anlangt. Man darf dies durchaus als kleinliche Betrachtungsweise abtun, denkt man an den strukturellen Gewinn, den der Weingarten Mehrzwecktempel längst eingefahren hat. Die Weingartener und ihre Nachbarn kommen seit dem Bau des Zentrums in den Genuss hochkarätiger kultureller Ereignisse, und als Tagungs- sowie genereller Veranstaltungsort ist das Kultur- und Kongresszentrum mittlerweile eine feste Größe in der Region.

Als Beschaffer von staatlichen Zuschüssen vor allem im Rahmen der Stadtsanierung ließ sich Rolf Gerich von kaum jemandem übertreffen. Einen erfolgreichen Bettelmönch nannte ihn einmal Dr. Max Gögler, der damalige Tübinger Regierungspräsident aus Baienfurt. Jede Mark, die Gerich locker machte und in die Stadtsanierung investierte, löste private Investitionen in sechs- bis achtfacher Höhe aus.

1984 wurde Rolf Gerich mit überwältigender Mehrheit in seinem Amt bestätigt, das er bis Mai 1992 inne hatte. In diesem Jahr wurde der jetzige Amtsinhaber Gerd Gerber - inzwischen auch schon in der zweiten Amtsperiode - gewählt. Gerber setzte im Übrigen fort, was sein Vorgänger - damals bundesweit einmalig - Mitte der 80-er Jahre ins Leben gerufen hatte: ein Nachwuchsparlament. Mittlerweile gibt es Jugendgemeinderäte in zahlreichen anderen Kommunen.

Zu Biographie des 1928 in Friedrichshafen Geborenen gehört auch dies: Weil ihm das Verhalten übergeordneter staatlicher Instanzen den Kommunen gegenüber immer stärker missfiel, lehnte er das Bundesverdienstkreuz ab. Die Ehrenbürgerwürde seiner zweiten Heimat Weingarten anzunehmen, fiel ihm hingegen nicht schwer.

Da bleibt nur zu sagen: Alles Gute zum Geburtstag!

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