Das Engelinstor: Steine fürs neue Schulhaus

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PFULLENDORF - Ursprünglich hatte die freie Reichsstadt Pfullendorf vier Stadttore. Erhalten geblieben ist bis heute das Doppeltor aus dem 14. Jahrhundert. Sämtliche Stadttore waren durch Schießscharten, Fallbrücken und Fallgitter gesichert. Fritz Hees stellt im Rahmen einer kleinen Serie die verschwundenen Pfullendorfer Stadttore vor. Heute: das Engelinstor.

Das Engelinstor, auch Vorstadttor genannt, nahm den Platz zwischen dem früheren Hotel "Grüner Baum" und der gegenüber in stattlichen Überresten noch vorhandenen Stadtmauer ein. Das Pfullendorfer Engelinstor bestand unter diesem Namen schon 1337.

Leider gab es vor 1829 noch keine Aufzeichnungen. Man wollte den Namen "Engelinstor" in Verbindung mit dem Kloster der Dominikanerinnen bringen, weil dieses seit 1677 auch "Maria der Englen" oder "Maria Königin der Engel" genannt wird. Laut einer Urkunde wurde das Engelinstor und die sich dabei befindlichen "bürgerlichen und Kriminalgefängnisse" 1829 abgebrochen. Das "bürgerliche Gefängnis wurde ins ehemalige "Weiße Kloster" verlegt, das andere Gefängnis ins Obertor.

Eine kurz vor dem Abriss gefertigte amtliche Häuserbeschreibung gibt für den Engelinstor-Turm eine Fläche von drei Pfullendorfer Ruten an. Das Gefängnis war von der Färbergasse (heutige Uttengasse) her links. Noch innerhalb der Stadtmauern war an den Turm ein Wohngebäude angeschlossen. Die Vorstadt lag westlich, der lange Graben südlich und der Stadtgraben nördlich dieses Wohngebäudes. Sodann befand sich beim Torturm noch das Torwartshäuschen, etwa zwischen dem Hotel "Grüner Baum" und dem Ladengeschäft "Klaiber". Auch das Armenleutehaus, der Zolleinlass, der Butzenweiher und die Vorstadtmühle sind heute nicht mehr vorhanden.

Über den beabsichtigten Verkauf und Abbruch des Engelinstores schreibt Heimatforscher Pfarrer Dr. Schupp in seinem geplanten Häuserbuch der Stadt Pfullendorf: "Nun kam nach 1803 in die Stadtväter eine förmliche Wut, das altertümliche, altmodische Stadtbild zu modernisieren. Da hat es pressiert. Man hatte gehört, in Linz (Aach-Linz, Anm. d. Red.) wolle man ein neues Schulhaus bauen und habe schon auf den hohen Engelins-turm spekuliert. Die klugen Linzer hatten beim Bezirksamt Pfullendorf gut Wetter gemacht und den Oberamtmann auf ihre Seite gebracht. Der Sturm gegen den Engelinsturm mit Toranlage brauchte aber gar nicht einmal abgeschlagen zu werden. Denn die Pfullendorfer waren als tüchtige Händler und Handwerker sofort bereit, den Abbruch des uralten Turmes mit Gefängnis und Wohnung zu gestatten, wenn die Linzer nur versprachen, die Steine fein säuberlich fort zu schaffen, den Platz rein zu fegen und für allen etwa entstandenen Unfall oder Schaden aufzukommen. Die Linzer brauchten für die wertvollen Bau- und Bruchsteine nichts zu zahlen. Denn die Stadt war froh, dieses alte Möbel so billig, ohne Arbeiter ihrerseits, los zu kommen. In der wichtigen Sitzung vom 14. November 1829 beschloss der Stadtrat einstimmig, den Linzern zu willfahren. Ähnlich wie das Linzer Schulhaus, hat auch das Gasthaus ,Zum Frieden' in Mottschies Pfullendorfer Abbruchsteine empfangen." (Obige Angaben für 1829 schöpfen aus Spitalakten und dem zweibändigen Stockbuch, Anm. d. Verfassers).

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