Mit Horn und Laterne - Türmer und Nachtwächter zu Gast in Chemnitz

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„Hört, ihr Leut' und lasst euch sagen, unsere Glock hat zehn geschlagen... “, schallt es an diesem Wochende in Chemnitz vom Hohen Turm des Rathauses. Nachtwächter sorgen - wie einst in alten Zeiten - unten in den Straßen der Innenstadt für Ruhe und Ordnung. Drei Tage lang war die südwestsächsische Stadt fest in der Hand von Türmern und Nachtwächtern aus ganz Europa. „Wir sind stolz, dass 97 Zunftvertreter aus acht Ländern zu uns kamen“, sagt der Chemnitzer Türmer Stefan Weber.

Seine Kollegen sind ansonsten in Dänemark, England, Polen, Tschechien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz sowie in 52 deutschen Orten zu Hause. Nur die Zunftbrüder aus Schweden, Frankreich und Norwegen waren in diesem Jahr beim „Familientreffen“ nicht dabei.

Die ehrbaren Männer in schmucker Dienstkleidung, mit Hellebarden, Morgenstern, Laterne oder Horn ausgerüstet, vertreten würdevoll ihre Zunft, deren Anfänge weit ins Mittelalter zurückreichen. Der Nachtwächter rief damals nicht nur die jeweiligen Stunden aus, sondern achtete auch auf Einhaltung der Nachtruhe. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, Diebe dingfest zu machen oder Betrunkene nach Hause zu bringen. Der Türmer dagegen hielt auf hohem Posten Ausschau nach Feinden und blies bei ausbrechendem Feuer Alarm. Oft war er auch für die Musik in der Stadt zuständig.

Heute sind die alten Wächter, immer in ein historisch verbrieftes Gewand gekleidet, eher ein bunter Tupfer in den Städten und Gemeinden. Ihre Orte vertreten sie auch mit gutem Geschichtswissen. Viele Chemnitzer nutzten deshalb die Abendstunden, um sich von der Arbeit der zünftigen Gesellen zu überzeugen. Gegen einen entsprechenden Obolus der Wirte gaben Türmer und Nachtwächter in Gaststätten und Kneipen Verse, Sprüche und so manchen Schwank zum Besten - stets begleitet vom Tuten ins Horn.

Aus Ebern in Franken war Michael Hofmann angereist. Der pensionierte Bahnpolizist ist seit 1987 ehrenamtlicher Türmer und bläst vom hohen heimatlichen Turm herab besagtes „Nachtwächterlied“ aus Friedrich Silchers Liederbuch. Seine Türmerarbeit hält er in Ehren, wenn auch ab und an die Kniee schmerzen. „Hoch auf den Turm geht's ja noch, aber runter...“, sagt er mit Augenzwinkern.

Neu in der Zunft dabei ist Werner Störzel aus dem sächsischen Zwönitz. Er gehörte in Chemnitz zu den zehn Neuen, die in der Zunftsitzung aufgenommen wurden. Seit 2002 ist er im Ehrenamt eines Nachtwächters, ansonsten arbeitet der 51-Jährige als Redakteur beim Zwönitzer Wochenblatt. Seine Tracht stammt aus der Zeit von 1688, seit es im Ort Nachtwächter gibt.

Gastgeber Stefan Weber aus Chemnitz hat sich für ein Gewand aus dem 16./17. Jahrhundert entschieden. Er ist seit 1990 hauptberuflicher Türmer von Chemnitz und stolz auf seine Stadt: „Sie ist alt und hat viel Geschichte zu bieten.“ Und es freut ihn zu hören, dass seine Zunftbrüder voll des Lobes über das Treffen sind.

„Chemnitz ist eine schöne Stadt“, sagt auch der 62-jährige Türmer Günther Helmuth aus dem niedersächsischen Helmstedt - seit diesem Wochenende ebenfalls neues Mitglied in der europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft. Diese wurde 1987 im dänischen Ebeltoft gegründet und hat nach Angaben von Zunftmeister Walter Kienel aus Bad Rodach in Franken derzeit 125 Mitglieder. Er scheiterte bisher mit seinem Vorschlag, auch Frauen in die Zunft aufzunehmen. „Dann wären wir aber ein Verein“, sagt Weber dazu. „Und Zunft ist immer Männersache.“

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