Katalysatoren schalten bei hohem Tempo ab

Lesedauer: 6 Min

Der Umweltschutz gewinnt bei vielen Automobilherstellern eine zunehmende Bedeutung bei der Vermarktung. So werben sie damit, dass ihre neuesten Modelle die derzeit schärfste Abgasnorm Euro IV noch unterschreiten. Doch nach Angaben von Greenpeace und dem Umweltbundesamt schalten die Abgasreinigungssysteme vieler Automodelle in bestimmten Situationen einfach ab.

Die Klassifizierung vieler Fahrzeuge als schadstoffarm halten sie daher für „Mogelei“ und „Etikettenschwindel“. So werde bei vielen Benzinern mit Drei-Wege-Katalysator im Volllastbetrieb und bei Geschwindigkeiten über 120 Kilometer pro Stunde (km/h) die Lambda-Sonde ausgeschaltet, sagt Stefan Rodt, Fachgebietsleiter für Schadstoffminderung beim Umweltbundesamt (UBA) in Berlin. Sie regelt die für den Katalysatorbetrieb erforderliche Gemischzusammensetzung. Ist sie ausgeschaltet, könnten die Motoren mit fetterem Kraftstoffgemisch - mit mehr Sprit- als Sauerstoffanteilen - betrieben werden und mehr Leistung entwickeln.

Damit erhöhten sich aber auch die Kohlenmonoxid- und Kohlenwasserstoff-Emissionen in den Abgasen, so Rodt. Auch laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Hamburg ergaben Messungen, dass ohne entsprechende Abgasreinigung durch den Katalysator deutlich mehr giftige und Krebs erregende Substanzen wie Benzol und Ammoniak aus dem Auspuff quellen. „Aus Umweltsicht ist das sehr kritisch zu bewerten“, sagt UBA-Experte Rodt.

Dies gilt umso mehr, da die Abschaltung der Abgasreinigungssysteme offenbar weit verbreitet ist: Nach Expertenschätzungen sei das heute bei „mindestens 80 Prozent der Fahrzeuge der Fall, wenn nicht bei allen“, sagt Günther Hubmann, Automobil-Experte bei Greenpeace in Hamburg. Neben Benzinern mit Drei-Wege-Katalysator werde in ähnlicher Weise mit Dieselfahrzeugen verfahren, die Oxydationskatalysatoren besitzen. Auch Stefan Rodt vom UBA bestätigt, dass die Lambda-Abschaltung „praktisch von allen Herstellern“ eingesetzt wird - je nach Baureihe und Modellausführung auf unterschiedliche Weise.

Rein formal gesehen ist den Herstellern jedoch kein Verstoß gegen die Abgasrichtlinien vorzuwerfen. Zwar wird darin laut Stefan Rodt gefordert, dass die Einrichtungen zur Abgasreinigung der Fahrzeuge in allen Betriebszuständen funktionieren müssen. Allerdings gebe es bestimmte Ausnahmen, in denen eine Abschaltung erfolgen darf: etwa beim Kaltstart oder als Schutz vor Überhitzung. „Das ist die Hintertür“, so der UBA-Experte. Zudem schreibe die Richtlinie nur Prüfzyklen mit moderaten Beschleunigungen und Geschwindigkeiten bis 120 km/h vor. Der Volllastbetrieb werde gar nicht berücksichtigt.

So beruft sich auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) in Frankfurt/Main darauf, dass alle von deutschen Herstellern in Verkehr gebrachten Fahrzeuge die Abgasvorschriften einhalten. Kurzfristige Abweichungen seien nicht mit einer Verletzung der Vorschriften gleichzusetzen. Diese sieht der VDA zudem durch die Ausnahmeregelung gedeckt: So könne eine Abweichung der Abgaswerte in bestimmten Betriebszuständen zum Schutz des Motors oder aus Gründen der Verkehrssicherheit notwendig sein - etwa bei Anhängerfahrten an Steigungen oder zum Beschleunigen beim Überholen. Doch auch in diesen „Ausnahmezuständen“ würden die Abgase nicht ungefiltert abgegeben. Allenfalls erreiche der Katalysator nicht den optimalen Wirkungsgrad.

UBA-Experte Stefan Rodt hält diese Argumente der Autoindustrie jedoch für vorgeschoben: So gebe es durchaus andere Wege, eine Überhitzung des Motors unter Volllast zu vermeiden. „Das Quäntchen an Mehrleistung ist der wahre Grund“, vermutet Rodt. Auch wenn mit der Kat-Abschaltung letztlich nur rund drei Prozent mehr Leistung aus dem Motor herauszuholen sind, mache sich die größere PS-Zahl und die etwas höhere Endgeschwindigkeit gut im Verkaufsprospekt.

Rodt kritisiert vor allem den „Etikettenschwindel“ der Hersteller, die den Käufern suggerierten, schadstoffarme Fahrzeuge herzustellen, ohne aber auf die Kat-Abschaltung hinzuweisen. Sie könne darüber hinaus auch zu einem höheren Kraftstoffverbrauch führen. Greenpeace-Experte Günther Hubmann sieht die „Mogelei“ zudem im Zusammenhang mit anderen Praktiken der Hersteller: Ihre Weigerung, Partikelfilter für Diesel einzuführen, ihr Ausnutzen von Schlupflöchern in den Abgasvorschriften für Geländewagen sowie ihr Vorgehen, Lkw-Motoren zwar spritsparend, aber nicht schadstoffarm zu programmieren, lassen ein bestimmtes Verhaltensmuster erkennen: Es widerspreche dem eigentlichen Sinn des Gesetzes.

Hubmann zufolge arbeiten verschiedene Organisationen derzeit an einer Auflistung der Fahrzeugmodelle, bei denen eine Kat-Abschaltung praktiziert wird. Verbraucher sollen dadurch besser informiert werden. UBA-Experte Stefan Rodt sieht nun die Politik am Zug: Die Abgasvorschriften müssten angepasst werden, damit Hersteller die Schlupflöcher nicht mehr nutzen können. Zudem seien Prüfzyklen mit realistischeren Bedingungen erforderlich: Denn, so Rodt, „entscheidend ist, was in der Praxis hinten raus kommt.“

Kommentare werden geladen