Clubsessel liegen im Trend

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Groß und wuchtig, aber elegant und äußerst bequem: Der klassische Clubsessel erinnert an englische Salons, luxuriöse Lounges oder extravagante Bars im Kolonialstil. Durch die Patina des Leders und die große Formenvielfalt ist jeder Clubsessel ein Unikat. Als „Hingucker“ ist er heute auch im heimischen Wohnzimmer wieder gefragt.

Neben restaurierten, alten Clubsessel entstehen auch neue so genannte Loungechairs von zeitgenössischen Designern, sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef. „Das Lebensgefühl, irgendwo bequem zu sitzen und sich auf das zu besinnen, wozu man im Alltagsstress oft nicht kommt, wird immer mehr geschätzt.“ Allerdings seien die neuen Versionen der Clubsessel meist weniger klobig und platzraubend als ihre Vorbilder und dadurch vielseitig einsetzbar.

Entstanden sind die schweren Ledersessel, in denen man geradezu versinkt, tatsächlich als typische Ausstattung englischer Herrenclubs im Viktorianischen Zeitalter. Später übernahmen auch die französischen Möbelhersteller das „fauteuil confortable“, übersetzt: bequemer Sessel, und stellten es in die Empfangshallen von Hotels oder die Salons des gut situierten Bürgertums. In den dreißiger Jahren, der Blütezeit des Art-Déco, griffen die Designer das Thema neu auf und entwarfen Modelle, die die profane Sitzgelegenheit regelrecht zur Skulptur erhoben.

Doch neben den eleganten Formen zeichneten sich Clubsessel vor allem durch ihre außergewöhnliche Qualität aus. Rahmen, Polsterung und Leder waren aus so hochwertigem Material, dass viele der Art-Déco-Möbel bis heute erhalten blieben. Robert Palgrave aus Köln hat sich auf die Restauration dieser bis zu 80 Jahre alten Sessel spezialisiert. „Die Leute erkennen allmählich, dass das Altbewährte einfach das Beste ist“, sagt Palgrave. Clubsessel hätten Ausstrahlung und könnten mitleben. „Denn je mehr sie benutzt werden, je eingesessener und knittriger das Leder ist, desto schöner werden die Möbel.“

Die Restauration ist mühevolle Handarbeit, bei der das erneuerte Leder mit einer speziellen Technik eingefärbt wird, damit es die charakteristische ungleichmäßige Patina erhält. Ein restaurierter Clubsessel ist deshalb nicht billig, laut Palgrave lohnt sich aber die Investition: „So ein Sessel als Einzelstück im Kontrast zu einer modernen Einrichtung, das ist mehr als nur ein Blickfang.“ Jeden seiner Sessel nehme er außerdem gerne wieder zurück: „Je gebrauchter so ein Sessel ist, desto besser lässt er sich weiter verkaufen.“

Auch Replikate sind kaum günstiger, denn sie werden ganz traditionell auf alten Sattlernähmaschinen per Hand fabriziert. „Das ist ein täglicher Kampf mit der Materie und bringt einem den Ruf ein, teuer zu sein. Aber die Ergebnisse sind dafür auch einmalig“, sagt Bernt Mildner vom Unternehmen Brocantique in Hamburg, das vor 17 Jahren ausschließlich mit Restaurierungen startete und erst im Lauf der Zeit mit der Fertigung von Replikaten begann. Die Einzelstücke, die bis zu 3600 Euro kosten, werden mit Federn und Rosshaar statt Schaumstoff und mit Leder individueller Färbung statt mit Material von der Rolle ausgestattet.

Neben den traditionellen Clubsesseln werden aber heute auch neue Modelle entworfen. So wurde zum Beispiel der Loungechair „Nelson“ bei der Firma Walter Knoll aus Herrenberg in Baden-Württemberg entwickelt. Das Unternehmen brachte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die ersten Clubsessel nach Deutschland. Die Anforderungen an die Möbel sind noch heute ähnlich: Der „Nelson“ solle ein Ort sein, an den man sich zurückziehen und geborgen fühlen kann, sagt Pressesprecherin Annette Blank. Wichtig sei dabei die Bodennähe: „Abgehoben vom Boden ist so etwas wie ein kurzer Rock - den trägt man, wenn die Zeiten gut sind. Momentan sehnen sich die Leute aber nach Bodenständigkeit und Stabilität.“

Viele Clubsessel sind heute nicht nur in Leder, sondern auch mit bequem abziehbarem Stoffbezug erhältlich. Einige Anbieter kombinieren auch beide Materialien. So sind bei dem Modell „Dana“ der Herstellers „Domicil“ aus Lindau am Bodensee einige Teile aus Leder, aber die Sitzkissen mit Stoff bezogen. Damit können nicht nur leicht farbliche Veränderungen vorgenommen werden: Die Möbel sind auch günstiger als die vollständigen Ledersessel.

Clubsessel mit Stoffbezügen werde es in Zukunft wohl in den unterschiedlichen Varianten geben, sagt Möbelexpertin Ursula Geismann. „Auch die No-Name-Firmen, bei denen man im Handel gar nicht weiß, woher die einzelnen Möbelstücke kommen, greifen das Thema "Lounge" zunehmend auf.“ Trendsetter seien aber gegenwärtig vor allem die großen Hotels. „Bis sich Lieschen Müller aus Gelsenkirchen einen Loungechair ins Wohnzimmer stellt, wird noch einige Zeit vergehen.“

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