Industriekletterer: Handwerk in Schwindel erregender Höhe

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Wenn Manuel Marburger arbeitet, bleiben die Leute oft stehen und schauen voller Bewunderung nach oben. Der 29-Jährige aus dem hessischen Brachttal verdient seine Brötchen in Schwindel erregender Höhe. Marburger ist Industriekletterer, am Seil baumelnd reinigt er die Fensterfassaden von Hochhäusern oder repariert Sturmschäden an den Dächern von Fußballstadien.

Eingesetzt werden Höhenarbeiter überall dort, wo Gerüstarbeiter und Steiger an ihre Grenzen stoßen. Restaurierungen, etwa an Kirchtürmen, gehören dazu. „Manche Betriebe haben sich auf die Wartung, Reparatur und Montage von Solar- und Windkraftanlagen spezialisiert“, sagt Mike Gimmerthal, Geschäftsführer des Fach- und Interessenverbands für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT) in Ilshofen (Baden-Württemberg). Zunehmend kämen auch Aufträge von Werbefirmen, für die Kletterer Plakate an Hochhäusern installieren.

Zur Arbeit von Industriekletterern gehören aber auch ausgefallene Aufträge: Wenn etwa in schwindelnder Höhe Brutkästen als Nisthilfe für Turmfalken angebracht werden müssen, sind sie gefragt. Und auch auch die Verhüllung des Reichstages unter Federführung des Künstler-Ehepaares Christo haben Manuel Marburger zufolge Höhenarbeiter am Seil besorgt.

Nur eine kleine Gemeinschaft von Spezialisten geht in Deutschland diesen Tätigkeiten nach. FISAT-Geschäftsführer Gimmerthal schätzt, dass zwischen 1500 und 2000 Kletterer ihr Geld mit gewerblichen Arbeiten verdienen. Sie arbeiteten überwiegend in „Ein-Mann-Betrieben“, aber auch als Angestellte in mittelständischen Firmen mit bis zu 20 Mitarbeitern.

Der Zugang zum Beruf des gewerblichen Höhenarbeiters ist nach Angaben des FISAT nicht strikt geregelt. Für die Berufsausübung sei lediglich eine Zusatzausbildung gefordert, die jedem offen steht. Voraussetzungen für die Ausbildung sind die Volljährigkeit, eine Erste-Hilfe-Ausbildung und eine ärztliche Tauglichkeitsuntersuchung. Wer unter Höhenangst leidet, hat in der Höhenarbeit sicherlich das falsche Betätigungsfeld. Wer ungern an der frischen Luft arbeitet und Kälte und Hitze scheut, sei ebenfalls falsch.

Handwerkliche Begabung ist Gimmerthal zufolge von Vorteil. „Je mehr Arbeitstechniken ich beherrsche, desto mehr Aufträge kann ich annehmen“, sagt Oliver Spilker, der die Firma ClimX in Duisburg betreibt. In Marburgers Firma arbeiten neben Dachdeckern und Elektronikern auch Maurer und Zimmerleute.

Drei Ausbildungsstufen müssen angehende Höhenarbeiter nach den Richtlinien des FISAT absolvieren. Inhalte des einwöchigen Grundkurses sind nach Worten von Mike Gimmerthal der Umgang mit Gurt- und Seiltechnik, das Auf- und Abseilen und das Retten von Kollegen im Ernstfall. Für die Zulassung zum zweiten Kurs müssen angehende Kletterer anschließend 150 Stunden Arbeit im Seil unter Aufsicht eines zertifizierten Höhenarbeiters nachweisen. Nach der zweiten Stufe und weiteren 1000 Stunden Praxiserfahrung müssen die Kursteilnehmer in der Abschlussprüfung ihre Kenntnis der zahlreichen Sicherheitsvorschriften beweisen. Erst dann darf ein Höhenarbeiter eigenständig Baustellen betreuen.

Für die Ausbildungskosten muss ein angehender Höhenarbeiter selbst aufkommen. Manuel Marburger hat für die erste Stufe rund 1000 Euro bezahlt, für die zweite samt Abschlussprüfung noch einmal rund 1400 Euro. Offenbar sind diese Ausgaben mit den erworbenen Spezialisten-Fähigkeiten aber schnell wieder abzuzahlen. Die Verdienstmöglichkeiten für Industriekletterer sind Mike Gimmerthal zufolge „ordentlich“.

„Man kann davon leben, auch gut.“ Auch die Zukunftsaussichten für Höhenarbeiter schätzt er positiv ein. „Es gibt ein enormes Wachstumspotenzial.“ Bei Gebäudereinigungsfirmen, Architektenkammern oder großen Unternehmen spreche es sich immer mehr herum, dass Industriekletterer kostengünstig, schnell und flexibel einsetzbar seien. Hubwagen, Kran oder Gerüst benötigen dagegen eine Vorbereitung von langer Hand.

Aufräumen möchten die Kletterer auch mit dem Vorurteil, ihre Arbeit sei gefährlich. „Es ist wahrscheinlicher, dass ich einen Autounfall habe“, sagt Oliver Spilker. Auch Manuel Marburger wehrt sich dagegen, dass sein Leben am sprichwörtlichen seidenen Faden hänge. Er sei schließlich immer mit zwei Profi-Seilen gesichert. Die Zahlen geben ihm Recht: Seit seiner Gründung vor acht Jahren hat der FISAT keinen schweren Unfall verzeichnen müssen.

Informationen: Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT), Mike Gimmerthal, Bahnhofstraße 14, 74532 Ilshofen (Tel.: 07904/94 05 82; Fax: 07904/94 05 83).

http://www.fisat.de

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