Als in Pfullendorf noch Bier gebraut wurde...

Lesedauer: 6 Min

PFULLENDORF - Im 19. Jahrhundert gab es in Pfullendorf elf Brauereien, die ihr eigenes Bier brauten. Die letzte Brauerei, die Lammbrauerei, hat 1968 ihre Hähne endgültig zugedreht und die Braukessel stillgelegt.

Von unserem Mitarbeiter Fritz Hees

Im Jahre 1876 gab es in Pfullendorf elf Brauereien, die insgesamt 837 000 Liter Bier ausstießen. Das meiste Bier wurde vom "Grünen Baum" gebraut: 227 000 Liter. Die kleinste Menge braute der "Mohren": "nur" 32000 Liter. Der größte Teil des gebrauten Bieres wurde von den Brauereien in eigenen Gaststätten verbraucht. Dem edlen Gerstensaft waren die Pfullendorfer von jeher zugetan. Viele Brauereifamilien (Roßknecht, Walter, Hübschle) waren miteinander verwandt.

Wer von auswärts kam musste durch ein Stadttor. Und in unmittelbarer Nähe zu den Stadttoren fanden sich auch die Brauereien nebst Gaststätten. So braute beim Gebsentor die Adlerbrauerei (heute: "Hotel Adler") ihren Gerstensaft. Der dazugehörige Malzturm in der Roßmarktgasse wurde schon vor Jahren abgebrochen.

Die Landbevölkerung, die aus der Richtung von Aftholderberg nach Pfullendorf kam, betrat die Stadt durch das Steinbrunnentor, das kurz vor dem Bahnübergang am Stadtgarten die Einlasspforte zur Stadt bildete. Gleich dahinter hatte die Brauerei "Zur Sonne" ihren Betrieb, von der heute nur noch die Gaststätte steht.

Der dritte südliche Turm, das Engelinstor, nahm den Platz beim früheren Hotel "Grüner Baum" ein. An der alten Stadtmauer stand einst die Brauerei zum "Grünen Baum". Die vielen Keller und Gänge dort und unterhalb der Volksschule "Am Härle" dienten im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzkeller. Doch sie erzählen die weit ältere Geschichte der Brauereien.

Das schönste noch bestehende Wahrzeichen der alten Freien Reichsstadt, das 1351 erbaute, stolze Obertor, blickt jetzt noch weit ins Land hinein. Mit seinen gotischen Toren, ein Inneres mit Staffelgiebel und zwei spitzbogigen Einlasspforten, und ein Äußeres, das von halben Rundtürmen flankiert ist, gilt das Obertor als Schmuckstück. Auch dort waren früher zwei Brauereien, außerhalb der Stadt die Mohrenbrauerei und innerhalb die Löwenbrauerei, das heutige Gremlichhaus.

Bis 1968 gebraut

Am Marktplatz braute der "Deutschen Kaiser" seinen Gerstensaft, in der Heiligenbergerstraße befand sich die Rößlebrauerei und oben in der Hauptstraße die Lammbrauerei. Die Lammbrauerei war zugleich die letzte "Überlebende", die bis 1968 noch ihr eigenes Bier gebraut hat.

Außerhalb der Stadtmauern lagen die Brauereien "Zum weißen Ochsen" und "Zum Deutschen Haus - inklusive "Parkplätze" für die Pferdefuhrwerke. An Markttagen, an denen die Besucher vom Land in die Stadt strömten, floss der Gerstensaft. Da herrschte auch in den Wirtschaften Großbetrieb.

Heimatforscher Pfarrer Dr. Schupp weiß zu berichten, dass bereits im Jahr 1653 im "Lamm" ein Biersieder wohnte. Vom Zunftmeister und Pfarrlehensbauer Keßler "Zum Lamm" wanderte der Sohn Franz Josef Keßler (geboren 1752) mit Angehörigen nach Hummenau in Ungarn aus und war dort Bierbrauer und Wirt und erfreute die Gäste seiner neuen Heimat.

Der letzte noch in Pfullendorf lebende Bierbrauer ist der 76 Jahre alte Otto Walter. Er erlernte bei seinem Stiefvater das Bierbrauerhandwerk. Die letzte Bierbrauerei "Zum Lamm" war seit 1942 bis 1950 geschlossen, doch in den Jahren bis 1968 floss der Gerstensaft wieder.

Der "Eisgalgen"

Bis zu dieser Zeit existierte auch noch der "Eisgalgen" der Gastwirtsfamilie Back-Walter zwischen Gefängnis und Wasserturm. Am Holzgerüst war eine lange Wasserleitung angebracht. Herrschten sehr tiefe Temperaturen in der Nacht wurde die Leitung geöffnet und so entstanden meterlange Eiszapfen. Nachdem man sie abgeschlagen hatte, brachte man sie in den Bierkeller in der Lammgasse und zum Bierbrauen verwendet.

In Pfullendorf gab es sogar einen Hopfengarten, wie die frühere Wirtstochter ("Zum Mohren"), Martha Schumacher zu berichten weiß. Der Garten befand sich am Mühlesteigle oberhalb der Eisenbahnbrücke. Ein Gedicht über die Pfullendorfer Bierbrauer erinnert noch an diese alte Handwerkergeschlecht, das inzwischen ausgestorben ist.

Kommentare werden geladen