Sozialistenhut für Wolfgang Thierse

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Leo Wiedemann rechnet mit ordentlichem Zulauf, wenn der SPD Kreisverband am Samstag den Sozialistenhut an Wolfgang Thierse verleiht. Weil er den Präsidenten des deutschen Bundestages für einen sehr beliebten Politiker hält, weil Thierse, der das zweithöchste Amt der Republik bekleidet, als talentierter Redner bekannt ist, und nicht zuletzt weil er selbst in der Galerie der nicht gerade unbekannten Sozialistenhut-Träger als "Promi" hervorsticht.

Den Sozialistenhut verdient man sich anscheinend dadurch, dass man beinahe zu beschäftigt ist, ihn anzunehmen. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn Leo Wiedemann von der Kandidatenliste des Kreisverbandes erzählt. Der Reihe nach werden mögliche Preisträger eingeladen. Meistens hat der Lindenberger Genosse schon beim ersten Anlauf Glück, auch diesmal: Die Nummer eins ganz oben auf der Liste sagte zu, zumal er am Samstag ohnehin in der Gegend ist. Am Nachmittag nimmt Wolfgang Thierse an der Feier zum 100-jährigen Bestehen der Sozialistischen Bodensee-Internationale teil. Lange verweilen wird er in der Hutstadt allerdings nicht, am Abend ist ein Flug von Zürich nach Berlin gebucht.

Ausschlaggebend für den Preis sei, dass sich der 58-jährige Politiker seit der Wiedervereinigung für die Belange der neuen Bundesländer eingesetzt hat, so Wiedemann. Außerdem beeindrucke ihn, wie sich der Bundestags-Präsident gegen Rechtsradikalismus engagiert.

Zwei Kategorien von Preisträgern kennt der Lindenberger, der die Veranstaltung seit jeher für den Kreisverband organisiert, und er würde gerne jedes Jahr abwechseln. Einmal einen prominenten SPDler, dann einen vielleicht weniger bekannten, aber dafür aufmüpfigeren Genossen. Wolfgang Thierse gehöre eindeutig zu den "Promis". Somit steht er künftig in einer Reihe mit Geehrten wie Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (Sozialistenhut 1990), der ehemaligen bayerischen SPD-Vorsitzenden Renate Schmidt (1992), der brandenburgischen "Mutter Courage" der SPD, Regine Hildebrandt (1994,) und dem ehemaligen Justizminister Hans-Jochen Vogel (1995). Absagen mussten bislang zwei Kandidaten: Bei Oskar Lafontaine und Heide Simonis passte die Preisverleihung partout nicht in den Terminkalender. Dabei wäre die Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein vor zwei Jahren gerne nach Lindenberg gekommen. Doch dann habe sie "den Volker Rühe als Gegenkandidaten bekommen" und sich dem Wahlkampf gewidmet, erzählt Wiedemann. Pech für die Politiker: Wer einmal abgesagt hat, kommt im nächsten Jahr nicht gleich wieder auf die Liste.

Mit der Einladung zur Preisverleihung verschickt der Kreisverband auch immer die Richtlinien. Vorausdenker und solche, die "gegen den Strom schwimmen", werden geehrt -- andere Verdienste um die Partei spielen keine Rolle. "Dafür gibt es andere Ehrungen", heißt es. Mit der Zusage verpflichten sich die Gäste gleichzeitig, die Lobrede für den Preisträger des folgenden Jahres zu halten. Und obwohl dieser Passus genau so groß gedruckt ist wie der Rest der Richtlinie, reibt sich Leo Wiedemann insgeheim die Hände, als hätte er jemanden ausgetrickst. "Das ist der Vorteil, man kriegt diese Leute sogar gleich zweimal."

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