Riefenstahl-Biografie «Eine deutsche Karriere»

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Die vor zwei Jahren erschienene Lebensgeschichte Leni Riefenstahls von Rainer Rother hatte etwa 300 Seiten und trug den Titel „Die Verführung des Talents“. Die jetzt pünktlich zum 100. Geburtstag (22. August) der Filmemacherin vorgelegte neue Biografie von Jürgen Trimborn hat nicht nur den doppelten Umfang, sondern verweist auch mit ihrem Titel „Eine deutsche Karriere“ in eine andere Richtung.

Hatte schon Rother in seinem Schlusskapitel Riefenstahl „Auf dem Weg zur Kultfigur“ gesehen, beschreibt der 1971 geborene Filmhistoriker Trimborn die „Riefenstahl-Renaissance“ der letzten Jahre noch ausführlicher - und bitterer.

Die in der NS-Zeit entstandenen Filme der Regisseurin, wozu auch die beiden Olympia-Streifen gehören, werden nach Ansicht des Autors zunehmend aus ihrem politischen Kontext herausgelöst und als eigenständige ästhetische Äußerungen von hohem Rang gesehen. Starfotografen wie Werbestrategen zitierten ihre Bilder, Regisseure ihre Filme, Musiker nutzten bestimmte Elemente ihrer Ästhetik für ihre Bühnenshows.

So gibt es laut Trimborn in dem 1995 angelaufenen Walt-Disney-Streifen „Der König der Löwen“ von Rob Minkoff unübersehbare Anklänge an den NS-Parteitagsfilm „Triumph des Willens“. Michael Jackson knüpfe mit den marschierenden Fantasiesoldaten seines Videoclips „HiStory“ an choreografische Vorbilder aus dem Progagandafilm an. 1999 habe schließlich Alice Schwarzer eine „regelrechte Riefenstahl-Apologie“ verfasst und von einer „Hexenjagd“ auf die Filmemacherin nach 1945 gesprochen.

Kritische Fragen an ihren Lebensweg und ihre Karriere blieben, so der Biograf, zunehmend aus, „ob aus Resignation vor ihrer mangelnden Fähigkeit zur Einsicht oder schlicht und einfach aus Respekt vor ihrem ungewöhnlichen Alter und ihrer ungebrochenen Vitalität“. So werde der Weg von der „Renaissance zur Rehabilitation Riefenstahls geebnet“, klagt Trimborn. Nur wenn man die Widersprüche ihrer Biografie kenne, verhindere man, dass Menschen unkritisch der „Macht der Bilder“ erliegen, „dass das Faszinosum Leni Riefenstahl ein größeres Gewicht bekommt als die historischen und biografischen Fakten“.

Dazu leistet die neue Biografie in der Tat ihren Beitrag, die sich auch zu lesen lohnt im Vergleich mit den 1987 erschienenen Memoiren der Filmemacherin. So widmet der Autor der Polenreise Riefenstahls Anfang September 1939, gleich zu Beginn des deutschen Überfalls auf das Nachbarland, ein ausführliches Kapitel und stellt die eigenen Recherchen in Archiven den Äußerungen oder Auslassungen Riefenstahls gegenüber.

Trimborn spricht von einem „verschwiegenen Filmprojekt“ in direktem Auftrag Hitlers und zitiert dazu ein mit dem Vermerk „Geheim“ versehenes Schreiben aus dem NS-Propagandaministerium vom 10. September 1939: „Am 5.9.39 übermittelte Major d.G. Kratzer des OKW eine Anordnung des Führers, nach der im Rahmen der Einsatzstelle des Propagandaministeriums ein "Sonderfilmtrupp Riefenstahl" aufzustellen war. Gemäß fernmündlicher Weisung des OKW...vom 9.9.39 18.45 Uhr ist dieser Filmtrupp am 10.9. um 7 Uhr nach Oppeln in Marsch gesetzt worden.“

Riefenstahl erschien übrigens, wie Generalstabschef Erich von Manstein, später bemerkte, in einem Aufzug, der ihm wie eine Kostümierung erschien - „nett und verwegen“ und „wie eine elegante Partisanin“, in einer Art Tunika, mit Breeches und hohen Stiefeln, mit einem Messer im Stiefelschacht, am Lederkoppel hing eine Pistole.

Laut Trimborn geben weder die Akten der Wehrmacht noch andere Dokumente Auskunft über die eigentlichen Aufgaben Riefenstahls. Es gebe aber Indizien dafür, dass die Regisseurin nicht für „bessere Wochenschauaufnahmen“ eingesetzt worden sei, sondern um an einem wesentlich prestigeträchtigen Projekt zu arbeiten, das dem Einfluss der Wehrmachtspropaganda entzogen gewesen sei. Die Aufnahmen des „Sonderfilmtrupps Riefenstahl“ vom „Polenfeldzug“ haben laut Trimborn den Krieg nicht überdauert.

Von Wilfried Mommert, dpa

Jürgen Trimborn

Leni Riefenstahl - Eine deutsche Karriere

Aufbau-Verlag, Berlin

600 S., Euro 25,00

ISBN 3-351-02536-X

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