Ein Streifzug durch Londons Plattenläden

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London ist Europas Musikhauptstadt Nummer Eins. Zahlreiche neue Trends bringt die Szene in der Stadt an der Themse jedes Jahr hervor - und fast jedes Genre hat sein eigenes Fachgeschäft. Dabei sind Platten und CDs im teuren London noch vergleichsweise billig, vor allem wenn sie auf Straßenmärkten angeboten werden. Eine neue Vinylsingle erhält man oft schon für ein Pfund.

Lois Wilson zufolge ist London einer der besten Orte auf der Welt, um Musik zu kaufen. „Wenn man eine Platte in London nicht findet, dann gibt es sie wohl nirgendwo in Europa“, sagt die Chefredakteurin des in London erscheinenden Sammlermagazins „Mojo Collections“.

Allein das britische Unternehmen Virgin unterhält 14 Musikkaufhäuser in der Hauptstadt. Die Filiale in der Oxford Street ist nach Angaben des Unternehmens das größte Tonträgergeschäft der Welt. Auf vier Etagen gibt es hier CDs, Schallplatten, DVDs, Bücher und Magazine aller Musikrichtungen. Bei seiner Eröffnung verwies Virgin die Filiale der Kette HMV auf Platz zwei, die sich nur ein Stück entfernt in der gleichen Straße befindet. Auch die US-amerikanische Kette Tower Records betreibt vier Musikkaufhäuser in London. Die größte Filiale befindet sich am Piccadilly Circus.

Neben den großen Ketten gibt es jedoch eine große Zahl kleiner Spezialgeschäfte. Gerade für Liebhaber und Sammler der schwarzen Vinylscheibe ist London ein Shoppingparadies. Jeder Laden, der etwas auf sich hält, hat seltene Alben zum Preis von 150 Pfund (rund 240 Euro) ausgestellt, erzählt Wilson. Eine seltene Beatles-Aufnahme in der Originalhülle gehe auch schon einmal für 300 Pfund (rund 475 Euro) über den Ladentisch.

Lois Wilson empfiehlt Musikliebhabern vor allem die Läden im Stadtteil Camden Town. Hier entstand in den neunziger Jahren mit Bands wie Blur und Elastica die Britpopszene. Heutzutage gibt es hier vor allem Geschäfte, die mit Rockmusik handeln. „Out on the floor“ in der Inverness Street ist Wilson zufolge ein guter Tipp für Liebhaber von Punk, Independent, Soul und Reggae. „Rhythm Records“ an der Camden High Street sei bekannt für sein gutes Sortiment an Soul-, Jazz-, Reggae und Independentplatten.

Auch die Verkaufsräume von „Resurrection Records“, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Untergeschoss eines Bekleidungsgeschäftes verstecken, sind einen Besuch wert - wenn man sich für Gothic Rock, Heavy Metal oder frühe Punkscheiben aus Großbritannien interessiert. Schnäppchenjäger sollten einige Zeit für den „Music and Video Exchange“ an der Camden High Street einplanen.

Sascha Panknin aus Hamburg, der seit zwei Jahren als Musiker, Musikproduzent und Labelbetreiber in der britischen Hauptstadt lebt, empfiehlt die Läden im Stadtteil Notting Hill. Der „Rough Trade Shop“ in der Talbot Road etwa ist Panknin zufolge eine „Top-Adresse“. „Der Laden war in den späten siebziger Jahren das Epizentrum der Punkbewegung“, erklärt Lois Wilson. In den achtziger Jahren sorgte vor allem das von den Betreibern gegründete Musiklabel gleichen Namens dafür, dass das Geschäft weit über Großbritannien hinaus bekannt wurde. Bands wie The Smiths, The Fall oder The Go-betweens wurden hier verlegt. Heute finden die Kunden Musik verschiedener Genres. „Das reicht von Punk und Independent über Country und Reggae bis hin zu elektronischer Musik“, erklärt Pete Donne, einer der Gründer und Eigentümer des Ladens.

Diese Auswahl zieht auch Berühmtheiten an. Der BBC-Moderator John Peel, die Bandmitglieder von Pulp, aber auch Model Kate Moss und Schauspieler Johnnie Depp sind Donne zufolge regelmäßige Kunden. Bekannt ist der Laden heute vor allem für seltene Importstücke und seine Verkäufer, die Lois Wilson zufolge ein enzyklopädisches Wissen über Musik und Schallplatten haben.

Auch an der Portobello Road, der Haupteinkaufsstraße in Notting Hill, gibt es viele kleine Plattenläden. Nur wenige Meter von „Rough Trade“ entfernt handelt „Intoxica!“ unter anderem mit seltenen Stücken aus den sechziger Jahren. Ein paar hundert Meter weiter die Straße hinauf befindet sich Londons bekanntester Laden für Jazz und Weltmusik, „Honest Jon's“. Damon Albarn von Blur soll hier Lois Wilson zufolge ein gern gesehener Gast sein. Nicht weit davon entfernt werden im „Dub Vendor“ Neuheiten und Raritäten aus Reggae, Ska, Dub und Dancehall verkauft. Auch „Downbeat Records“ in der Nähe der U-Bahnstation Waterloo hat sich auf Reggae-Seltenheiten spezialisiert.

DJs und anderen Liebhabern elektronischer Musik empfiehlt Sascha Panknin die beiden Geschäfte „Vinyl Addiction“ in Camden und „Black Market“ im Vergnügungsviertel Soho. „Die haben absolute Sammlerstücke von ganz kleinen Labels, die nur in einer Auflage von 400 oder 500 Stück erschienen sind“, sagt der 34-Jährige. „Vinyl Junkies“ an der Berwick Street in Soho sei eine gute Adresse für House, Disco, Dance und Funk. Mit „Select-a-disc“, „Sister Ray“, „Reckless Records“ und „Mister CD“ finden sich in dieser Straße auf wenigen Metern so viele Musikgeschäfte nebeneinander wie sonst nirgendwo in London.

Sascha Panknin rät Plattensammlern auch zu einem Besuch auf den Stadtteilmärkten, die vor allem am Wochenende Touristen und Einheimische anziehen: „Ich würde samstags in die Portobello Road gehen und mich dann über Camden Town ins East End zum Spitalfields Market durcharbeiten.“ (dpa/gms)

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