Die Gartentherapie gewinnt an Boden

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Wenn Ruth Zacharias in den Garten geht, nimmt sie vor allem den Duft wahr. Je nach Jahreszeit durchzieht das Aroma von Minze, Azaleen oder Hamamelis den Botanischen Blindengarten Storchennest im sächsischen Radeberg. „Duft ist die Seele des Gartens“, sagt die blinde Pastorin, die für den Taubblindendienst des Diakonischen Werkes arbeitet.

Der von ihr betreute 7000 Quadratmeter große Park ist eines von zahlreichen Gartentherapie-Projekten, die in den vergangenen zehn Jahren bundesweit an Boden gewonnen haben.

„Der Garten eignet sich in vielen Therapie-Bereichen als Medium“, sagt Andreas Niepel, Gartentherapeut an der Klinik Holthausen in Hattingen. Der gelernte Gärtner ist Mitorganisator des ersten bundesweiten Kongresses „Garten & Therapie“, zu dem vom 13. bis 15. Juni rund 350 Experten in Bad Lippspringe erwartet werden.

Zahlreiche Kliniken und Altersheime setzen mittlerweile auf die heilsame Wirkung des Gartens und erzielen damit bei so unterschiedlichen Gruppen wie Rheumapatienten, altersverwirrten Menschen, psychisch Kranken und geistig Behinderten gute Erfolge. Während manchen schon der Aufenthalt im Garten gut tut, pflegen andere Patienten selbst ein Beet oder eine Topfpflanze.

„Plötzlich übernehmen Menschen, die sonst selbst betreut werden, die Betreuung eines anderen Lebens“, erläutert der Gärtner und Therapeut Wolfgang Kiesche aus Verden (Niedersachsen). In seiner Gärtnerei „Die Blume“ arbeiten 15 „seelisch behinderte Menschen“, wie Kiesche seine Schützlinge nennt.

Die zwischen 20 und 50 Jahre alten Männer und Frauen übernehmen alle Arbeiten in dem Betrieb und verfolgen den Weg von Fuchsien, Geranien oder Weihnachtssternen von der Aussaat bis zum Verkauf im eigenen Laden. „Es sind ihre Blumen, und sie fühlen sich gut, wenn die Pflanzen gut gelungen sind.“

Für jeden findet sich eine Tätigkeit: „Muss sich einer abreagieren, geht er nach draußen zum Pflügen“, so Kiesche. Manche seien zu qualifizierten Gärtnern geworden, andere übernehmen eher Handlanger-Tätigkeiten und halten nur den Korb für die Schnittblumen. „Gärtnerische Arbeiten sind relativ leicht zu erlernen, oder - wie beim Umtopfen - meist altbekannt“, bestätigt Andreas Niepel. Ein weiterer Vorteil der Gartenarbeit sei, dass sie relativ langsam vor sich gehe und sich viele Abläufe immer wiederholten.

Auch in manchem Altenheim löst inzwischen ein seniorengerechter Garten die rein dekorative Außenanlage ab. „Der Anteil von Demenzkranken steigt“, begründet Ilse Copak, Gartenplanerin aus Münster, den Wandel. Da Alzheimer-Patienten jedoch körperlich meist noch sehr fit seien, liefen sie häufig in den Stationen umher und sorgten dort für Unruhe. Sei dagegen ein Garten vorhanden, könnten die altersverwirrten Menschen dort ihren Bewegungsdrang ausleben.

Ein solcher Garten sollte mit einer Hecke oder einem Zaun eingegrenzt sein, aber statt Eingesperrtsein vor allem Geborgenheit vermitteln, rät die Expertin. Die Wege müssen so angelegt werden, dass die alten Menschen sich leicht zurechtfinden können. Pflanzen wie Flieder oder Obstbäume sprächen die Sinne an und böten eine jahreszeitliche Orientierung. Auch sollten die Pflanzen nicht zu exotisch sein: „Viele alte Frauen haben ihren Nachnamen vergessen, aber Pflanzennamen wie Tulpe oder Narzisse kennen sie noch - die wurden bereits in der Kindheit abgespeichert.“

Auch den Senioren kommt es den Experten zufolge zu Gute, wenn sie im Garten mithelfen können. Hier seien ebenfalls bekannte Pflanzen wie etwa Geranien, Lavendel oder alte Rosensorten vorzuziehen, empfiehlt Niepel - jedenfalls für die Frauen. „Gemüse ist meist Männersache“, schildert der Gartentherapeut seine Erfahrungen.

Welche Pflanzen gesät und gepflegt werden, hängt aber auch von der Dauer eines Heim- oder Klinikaufenthaltes an. „Kresse oder Usambara-Veilchen bringen einen schnellen Erfolg“, so Niepel. Bleibe ein Patient dagegen lange oder komme er immer einmal wieder, könnten auch Bäume gesetzt und gepflegt werden.

Während die Gartentherapie etwa im angelsächsischen Raum schon weit verbreitet ist, steckt sie in Deutschland noch in den Kinderschuhen, so Niepel. Im Gegensatz zu den USA gebe es hier zu Lande noch keinen geregelten Ausbildungsgang zum Gartentherapeuten. Meist bildeten sich Gärtner, Ergotherapeuten, Heilpädagogen oder Krankenschwestern in Eigenregie weiter. Dabei gab es laut Kiesche schon um 1850 erste Erfahrungen mit Verhaltensauffälligen, die bei der Gartenarbeit auf einmal viel ruhiger geworden seien.

Für einen besseren Kontakt unter den in Deutschland bestehenden Gartentherapie-Projekten soll neben dem Kongress in Bad Lippspringe auch ein neu geschaffenes Internetangebot sorgen. Unter http://www.garten-therapie.de finden sich rund 40 therapeutische Gärten. Viele davon sind ausführlich in Wort und Bild beschrieben und sollen nach dem Willen der Planer zur Nachahmung anregen. Die Gründe liegen laut Copak auf der Hand: „Jedem geht es doch besser, wenn er draußen sein kann und Wind und Sonne spürt“, so die Gartenplanerin.

Anmeldung und Information: Bildungsstätte Gartenbau, Gießener Straße 47, 35305 Grünberg, Tel.: 06401/910 10, Fax: 06401/91 01 91, E-Mail: info@bildungsstaette-gartenbau.de

Gartentherapie: http://www.garten-therapie.de

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