Sangesfreudiges Lettland

Lesedauer: 4 Min

RAVENSBURG - Zu ungewöhnlicher Zeit am Samstagnachmittag um vier Uhr wollte sich das Konzerthaus leider nicht richtig füllen. Dabei hatte „Latvija', der Staatschor der Republik Lettland, ein verlockendes Programm mitgebracht. Schon mit dem Motto "Auf Flügeln des Gesanges" erwies er dem deutschen romantischen Liedgut eine große Reverenz.

Von unserer Mitarbeiterin Dorothee L. Schaefer

Etwa siebzig Sängerinnen und Sänger umfasst der 1942 gegründete Chor, der zunächst mit Robert Schumanns "Vier doppelchörige Gesänge für größere Gesangsvereine op 141", im Jahr 1849 entstanden mit Vertonungen u.a. von Rückert und Goethe, ein erstes Bild seiner Vielseitigkeit zeichnete. Die vielen jungen und jüngeren Stimmen und die ausgeglichene Proportionierung zwischen männlichen und weiblichen Stimmen machen aus dem Chor unter seinem Leiter Maris Sirmais ein geschmeidiges Instrumentarium.

Danach gab es spannende Ausflüge nicht nur in die lettische Moderne, sondern auch in die zeitgenösische litaurische, ukrainische und russische Musik. Mareris Zarins (1910-93) "Madrigal", ein warm hingetupfter, tänzerisch-fröhlicher Wechselgesang machte neugierig. Der 1966 geborene Lette P_teris Vasks hingegen nimmt mit "Litene" von 1992 ein historisches Thema, die Unterdrückung Lettlands durch Rußland, auf und beschreibt Ohnmacht, Schrecken und Empörung des Volkes. Es beginnt zunächst „instrumental' mit vieltönigem Summen und wirkt eher wie ein Lamento, um dann in Wortkaskaden auszubrechen, die zu einer aufgeregten, höllisch schreienden Kakophonie führen, aus der Stimmengruppen wie Fanfaren herausleuchten, bevor alles im friedlichen Vogelgezwitscher endet.

Ganz anders der 1946 geborene Litaue Jonas Tamulionis. In seinen "Canciones de amor" nach Federico García Lorca läßt er Tonfolgen auf und absteigen, lebhaft auffordernd oder kantatenhaft und zuletzt in einen Song mit schwingendem Rhythmus ausklingen. Bei diesen spanischen Texten wie auch bei den deutschen begeisterte zudem die nicht nur präzise, sondern auch sprachbegabte Artikulation des Chores.

Sehr innig sang der Chor den Kanon "Die Nachtgall" von Felix Mendelssohn Bartholdy nach Goethe. Eine Pointe war "Die Beredsamkeit" von Joseph Haydn nach Lessing, von köstlicher Ironie und nach dem ostentativ wiederholten Satz "Keiner will den Andern hören" endet es stumm.. Mit zwei Kompositionen des 1936 geborenen Youri Falik in sanften Tonfarben, in dem sich die Männer- und Frauenstimmen fast untrennbar ineinander verflochten - und der "Lithany of St. Petersburg" von Sergei Banevitch, 1941 in Rußland geboren, einer eigenwillig dreisätzigen Komposition, die zwischen romantischer Harmonik und Kakophonie pendelt, wurde zu den fünf "Liebeswalzern" von Johannes Brahms übergeleitet. Verstärkt von zwei Pianistinnen erklangen sie mal emphatisch, mal anmutig und schmelzend. Auch die drei Zugaben - auswendig und schmissig gesungene Volkslieder in heiterem Grunton - förderten nochmal das Interesse an einem als sangesfreudig bekannten Land.

Kommentare werden geladen