Der Geistliche und die Macht

Lesedauer: 5 Min

WILHELMSDORF/TÜBINGEN - Der in Tafern bei Wilhelmsdorf geborene Prälat Bernhard Hanssler hat gestern sein 70-jähriges Priesterjubiläum gefeiert. Zu seinem 95. Geburtstag am kommenden Samstag (23. März) wird er, wenn sein Gesundheitszustand es erlaubt, zusammen mit Bischof Gebhard Fürst beim traditionellen Jahrestreffen der Stuttgarter Katholiken den Festgottesdienst in der Konkathedrale St. Eberhard feiern.

Bernhard Hanssler, berichtet die Diözese Rottenburg-Stuttgart in einer Pressemitteilung, war in den 50er- und 60er-Jahren berühmt für seine wortgewaltigen Predigten, die er "in der Vollmacht des Gotteswortes" zu halten wusste. Als erster Leiter des von ihm initiierten Cusanus-Werks in Bad Godesberg, der Bischöflichen Studienförderung für besonders begabte Studierende (1956 bis 1970), und gleichzeitig als Geistlicher Direktor des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken habe er dem deutschen Laienkatholizismus und dem katholischen Verbands- und Rätewesens in Deutschland wesentliche Impulse verliehen. "Ideenreich, zukunftsweisend, scharfsinnig, hellwach, standfest, auch eigenwillig und bisweilen schroff" charakterisierten ihn seine Zeitgenossen.

Zu seinem Bildungsfundus zählten Philosophen, Theologen und Mystiker wie Nikolaj Berdjajew,, Sören Kierkegaard, Blaise Pascal, Meister Eckhard, Josef Bernhard, Reinhold Schneider, Nikolaus von Kues und die Konvertiten Theodor Haecker und John Henry Newmann, die ihm als bedeutende Geistesgrößen in die Verlebendigung des Glaubens dienten. Der Novel-Literaturpreisträger und "Linkskatholik" Heinrich Böll ließ Hanssler (in den "Ansichten eines Clowns") zur leibhaftigen Romanfigur "Prälat Sommerwild" werden.

Der hochbegabte Bernhard Hanssler stammte von einem Bauernhof aus dem heute zu Wilhelmsdorf gehörenden Tafern. Nach seinem Theologiestudium in Tübingen und seiner Priesterweihe am 19. März 1932 in Rottenburg wurde er in Ulm zunächst Vikar in St. Michael zu den Wengen und 1934 Jugendpfarrer. 1936 kam er als Studentenseelsorger nach Tübingen, wo er von der Gestapo wegen regimekritischer Äußerungen überwacht und mehrfach mit Redeverbot (seit 1942 auch Schreibverbot) belegt wurde.

Nach dem Krieg wurde er Stadtpfarrer von Schwäbisch Hall und von 1951 bis 1955 Stadtpfarrer von Stuttgart St. Georg, wo er mit seinen neueingeführten Dialogpredigten zusammen mit anderen Geistlichen für Aufsehen sorgte. Als Leiter der Cusanus-Stiftung ermutigte er Hochbegabte, in Wissenschaft, Staat und Gesellschaft als Führungskräfte Verantwortung zu übernehmen, so den früheren Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer, den Ex-Bundesminister Horst Riesenhuber und den ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof.

Weiter heißt es im Pressetext der Diözese, dass Hanssler als Geistlicher Direktor und später Bischöflicher Assistent beim Zentralkomitee "bewegender Motor" gewesen sei, der sich nachhaltig für eine Gestaltung von Kultur und Politik aus der Kraft des Glaubens einsetzte. "Was nicht organisiert ist, ist gesellschaftlich nicht existent", war einer seiner Leitsätze. Das 1967 erstellte neue Statut des ZdK trug seine Handschrift.

1970 wechselte er von Bad Godesberg nach Rom, wo er Rektor im altehrwürdigen deutschen Priesterkolleg Campo Santo Teutonico im Schatten des Petersdomes wurde. Wegen einer "Affäre" um das Geschenk eines steinernen Puttos, das später nach Rom zurückkam, musste er - zwar unbescholten - seine Position im Campo Santo aufgeben. Mit einer kurzen Zwischenstation in Bochum kehrte er 1981 mit 74 Jahren in seine Heimatdiözese zurück, wo er noch zehn Jahre Akademikerseelsorger in Stuttgart war.

Von seinen Veröffentlichungen ragen besonders hervor "Die Kirche in der Gesellschaft" (1961) und "Glaube aus der Kraft des Geistes" (1982). Zu seinem 90. Geburtstag veröffentlichte der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank die Biografie "Der Geistliche und die Macht - Bernhard Hanssler".

Kommentare werden geladen