Parole "Volk ohne Raum" verführte

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OSTRACH - Der Sommer 1939 ist heiß. Auf den Feldern herrscht Hochbetrieb. Viele Menschen genießen die schöne Jahreszeit. Nur wenige Tage später, am 1. September, beginnt der Zweite Weltkrieg, der 55 Millionen Opfer fordern wird. Haben die Menschen in unserer Region Kriegsangst verspürt, wie haben sie gelebt, was haben sie von der Zukunft erwartet? Unser Mitarbeiter Rainer Spendel sprach mit Josef Unger.

Die Zahl der Zeitzeugen, die den Beginn des Zweiten Weltkriegs bewusst miterlebt haben, wird immer kleiner. Die exakte Erinnerung verblasst immer mehr. So unterschiedlich, wie Menschen Ereignisse erleben und einordnen, so unterschiedlich sind auch die Erinnerungen der Menschen an diese Zeit. Josef Unger war 1939 16 Jahre alt. Mit einer Sondergenehmigung durfte er den Führerschein machen. Dieses Ereignis hat sich eingebrannt. Der Führerschein und die eine Fahrstunde, die er benötigte, kostete 72 Reichsmark. Er fuhr nämlich schon längere Zeit unerlaubt, aber mit Billigung seines Vaters, Josef Unger senior.

Der war Viehhändler und kam viel rum. Er war kein Freund der Nazis, wurde zweimal verhaftet, einmal, weil er das Saulgauer Erdbeben von 1935 mit den Worten "Das Dritte Reich hat gewackelt", kommentierte.

Sein Sohn hingegen dachte wenig politisch. Er konnte sich als Hitlerjunge noch an den "Fehden", das waren großflächige Gelände- und Kriegsspiele der Stämme 433 "Bussen" und 430 "Donau" sowie an der Siegesfeier auf der Ringgenburg begeistern.

Dabei befand sich die Kriegsgefahr durchaus schon im Bewusstsein der Bevölkerung. Aber welche Informationen hatte man damals schon? Man war auf die gleichgeschaltete Presse, den Rundfunk und die Wochenschauen im Kino angewiesen. Ausländische Sender wie Radio Beromünster zu hören, war gefährlich.

Glaube an Propaganda

Entrümpelungsaktionen, Eintopfsonntag, Kohlenklau, Feind hört mit und Winterhilfswerk sollte die Volksgemeinschaft zusammenschweißen. Aus Sicht der Menschen hatten sich die Lebensumstände im Vergleich zu den Hungerjahren 1929 und 1930 erheblich gebessert. Nur Einzelne erkannten, dass Hitlers Politik in den Krieg führte, die Masse war davon überzeugt, dass das Vaterland in Gefahr sei. Sie glaubte der Parole "Volk ohne Raum".

Gottfried Hartenfels wurde als Bürgermeister von Ostrach eingesetzt, der Gemeinderat "stimmte auf Veranlassung der Ortsgruppe der Partei zu", den Führer und Reichskanzler zum Ehrenbürger Ostrachs zu ernennen. Als der einzige Jude aus Ostrach verschwand, machte sich niemand Gedanken darüber. Man hat es hingenommen, war der Propaganda erlegen. "Halt die Gosch, sonst kommst nach Dachau", war ein geflügeltes Wort jener Zeit.

An Pfarrer Moser richteten sich manche auf. Der ehemalige Verdun- Kämpfer trug am Heldengedenktag das Eiserne Kreuz. Dazu zog er nach der Messe schnell seinen Frack an und setzte den Zylinder auf. Gegen den vaterländisch gesinnten Priester, der nicht gegen das Regime, aber für seine Schäfchen eintrat, traute sich die NS-Leitung nicht vorzugehen.

"Heil Hitler" kam genauso unüberlegt über die Lippen der frommen Leute wie "Gelobt sei Jesus Christus".

Als Josef Unger in der Nacht zum 1. September im Radio hörte, dass ab 24 Uhr mobil gemacht werde und die Geschäfte nur noch gegen Bezugsscheine und Marken Waren ausgeben durften, ging er zur Senze Nusser, die in Spöck einen Laden betrieb, und kaufte sich noch ohne Marken einen Arbeitsanzug und Lebensmittel.

Am 3. September verbreitete sich die Nachricht, dass Unteroffizier Adolf Wieland aus Jettkofen, 25 Jahre alt, in Polen gefallen ist. In manchen Stuben wurde daraufhin das Hitlerbild von der Wand genommen.

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