Detlev Grauls Traum hat 88 Tasten

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Schwäbische Zeitung

In den nächsten Wochen soll das Klavier fertig sein. Laut Graul brauche ein Klavierschüler im Vergleich zum herkömmlichenPiano auf einer Janko-Tastatur ein Zwölftel der Zeit, um Spielen zu lernen. "Das Problem bei der herkömmlichen Tastatur ist, dass man 12 unterschiedliche Bewegungsabläufe beherrschen muss, um eine Tonfolge in allen Tonarten spielen zu können."

Der Pianist und Mathematiker Paul von Janko entwickelte 1882 eine Tastatur, bei der man Graul zur Folge für eine Tonfolge in allen Tonarten nur einen Griff lernen muss. "Wenn man mit Janko eine Weile geübt hat, schafft man es mit dem Bewegungsgedächtnis." Darüber hinaus ließe es sich auf dem Tastenfeld viel bequemer spielen. "Beim normalen Klavier muss sich die Hand den Tasten anpassen, bei Janko hat sich die Tastatur der Hand angepasst." Dazu kommt, dass jede Taste drei Anschlagstellen auf der Tastatur hat und der Finger sie erreichen kann, wo es für den Pianisten gerade bequem ist.

Die Idee, Paul von Jankos Klavier-Prinzip wieder zu aktivieren, reicht bei Detlev Graul mehr als 16 Jahre zurück. "Ich übte mit einem Schüler ,Ist ein Mann in Brunnen g'fallen'." Als der Schüler für die Melodie dann mal an einer anderen Stelle auf der Tastatur ansetzte, klang es trotz gleichem Bewegungsablaufs auf einmal anders. "Zuerst wollte ich ihn einfach nur korrigieren, aber dann kam ich auf den Gedanken, dass der Junge eigentlich Recht hat und alles richtig gemach hat. Ihn schränkte nur die Tastatur ein." Detlev Graul weist noch auf weitere Nachteile der herkömmlichen weißen und schwarzen Tasten eines Pianos hin. "Sie bevorzugen Menschen mit schlanken Fingern und großen Händen." Darüber hinaus sei eine Pianotastatur mit 88 Tasten auf einer Breite von 1,23 Meter auch recht breit.

Bei seinen Nachforschungen stieß Detlev Graul später im Stuttgarter Fruchtkasten auf ein noch brauchbares Janko-Instrument: ein Pfeiffer-Klavier. Weitere Janko-Exponate fand er in Berlin und in der Klavierschule Ludwigsburg. Letzteres sei allerdings nicht mehr spielbar. Nach großer Überzeugungsarbeit bekam Graul schließlich sogar die Erlaubnis, die Instrumente auseinander zu bauen. Dabei überraschte es ihn, wie kompliziert das Innenleben dieser Instrumentenklassiker ist. "Zunächst dachte ich wirklich, dass der Aufbau ganz einfach sein müsste", lächelt Graul heute über seine damalige Naivität. Gemeinsam mit dem Klavierbauer Peter Zettel baute Detlev Graul vor drei Jahren das Instrument im Stuttgarter Fruchtkasten auseinander und Zettel zeichnete davon einenPlan. "Das Instrument wurde 1910 gebaut und ist nach meiner Einschätzung der Abschluss der Evolutioin der Janko-Tastaturen", staunt Graul. Mit seiner Idee, auf preisgünstigem Weg eine eigene Janko-Tastatur zu bauen, stieß Graul später bei Klavierbauer Peter Reinert auf offene Ohren.

In der Janko-Tastatur sieht der 44-jährige Musiklehrer aus Bremen auch in der heutigen Zeit ungeahnte Möglichkeiten. "Auf dieser Tastatur kann man Dinge spielen, die auf einer herkömmlichen Tastatur undenkbar sind." Dabei komme er sich ein wenig vor wie Kolumbus, denn er könne ein Maximum an spielerischen Möglichkeiten schaffen. Aus diesem Grund ist er auch überzeugt: "Wenn sich heute ein Pianist auf ein Instrument mit einer Janko-Tastatur stürzt, übt und vorspielt, überzeugt er die Menschen." Er selber habe die Idee, Videoclips auf "youtube" einzustellen. "Und da beginne ich gleich mit dem Maximum der Klavierliteratur, und es wird viel einfacher zu spielen sein."

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