150 Jahre Hüni: Alles fing mit Leder an

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FRIEDRICHSHAFEN - Das Familienunternehmen Hüni + Co, Friedrichshafens älteste Firma und Deutschlands ältester Betrieb für Kunststoffbeschichtungen, feiert in diesen Tagen 150. Geburtstag. In der fünften Generation führt heute Peter Hüni das Unternehmen, das im Jahr 1859 von Hans Heinrich Hüni von Horgen als Lederfabrik Hüni & Cie in Friedrichshafen gegründet wurde. Ab 1959 befasste man sich zusätzlich zur Lederfabrikation mit Kunststoffbeschichtungen und seit 1964 ausschließlich mit diesem Metier.

Als die Firma 1859 gegründet wurde, war allenfalls der "Kunststoff" Gummi bekannt, es folgten Schellack und Zelluloid. Erst 1907 wurde der erste vollsynthetische Kunststoff erfunden: Bakelit. Da war Hüni + Co schon fast 50 Jahre am Markt. Mit einem Produkt, für das die Hünis seit vielen Generationen als Experten galten: Leder. Doch wie wurde aus einer traditionsreichen Lederfabrik Deutschlands ältestes Unternehmen für hochbeständige Kunststoffbeschichtungen?

In der Gerberei und Lederfabrik Hüni + Co waren die ersten Nachkriegsjahre geprägt von Rohstoffmangel und Restriktionen im befreiten Deutschland. An Herausforderungen herrschte kein Mangel. Dafür an allem anderen: Häute, auch Salz, Gerbstoff und Kohlen waren knapp und kontingentiert. Ebenso Baustoffe, mit denen die zerstörten Fabrikgebäude wieder aufgebaut wurden. Die Währungsreform und die Zwangsbewirtschaftung in den Besatzungszonen brachten den Handel schwer durcheinander. Die Lederpreise waren von einem Tag auf den anderen erheblichen Schwankungen unterworfen. Ein solides Planen war nicht möglich.

Hüni + Co meisterte die Lage mit Improvisation und Flexibilität. Die Produktpalette wurde je nach Bedarf und Gelegenheiten verbreitert. Nach fast einem Jahrhundert der Sohllederfabrikation wurden hauptsächlich Oberleder und technische Leder hergestellt.

Externe Berater wurden hinzugezogen und empfahlen Rationalisierungsmaßnahmen, die die Produktivität weiter erhöhten. Schon bald überstieg die Produktion die der Vorkriegszeit beträchtlich. Durch die Fortschritte der chemischen Industrie kamen neue Gerbverfahren zum Einsatz - chemische Gerbstoffe lösten die traditionellen vegetabilen Gerbstoffe ab.

Kunststoff erobert den Markt

Doch was den Gerbern einerseits die Arbeit erleichterte, brachte andererseits ihre ganze Branche ins Wanken: die Chemie. Immer neue Materialien kamen auf den Markt - Kunststoff eroberte die Welt. Kunstleder war auf dem Vormarsch und machte sich daran, das Leder auf breiter Front als Werkstoff abzulösen. Immer mehr Lederfabriken schlossen oder wurden verkauft. Die gesamte Lederindustrie stand vor einem Umbruch. Über dem Messestand von Hüni + Co auf der Internationalen Bodenseemesse IBO im Jahr 1955 stand das Motto: "Der Gerber von heut' muss Chemiker sein". Eine wegweisende Erkenntnis - im doppelten Sinne.

Wenig später entdeckte der damalige Firmenchef Otto P.W. Hüni mit sicherem Blick fürs Geschäft eine neue Branche für seine Firma: Kunststoff - derselbe Stoff, der die Lederfabrik existenziell bedrohte, brachte dem Unternehmen die Rettung.

Zweites Standbein

Neben der Lederfabrik in der Friedrichshafener Eckenerstraße war die Apparate- und Behälterfabrik Balluff & Springer ansässig. Dort wurden Aluminiumtanks für die Getränkeindustrie hergestellt. Mitte der 50er Jahre machten die Nachbarn Probleme. Der mit Schwefel haltbar gemachte Wein konnte nicht mehr in Aluminiumtanks gelagert werden, da das Aluminium durch den Schwefel Geschmack abgab.

Bei Hüni + Co wurde daraufhin im Zentrallabor experimentiert. In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Lackfabrik Dr. Mäder AG bekamen Otto P.W. Hüni und sein Ingenieur Helmut Sessig das Problem in den Griff: Sie beschichteten den Tank mit Kunststoff. Die Beschichtung aus

hochresistenten Kunstharzen verhinderte, dass die eingelagerten Getränke wie Süßmost, Wein oder Bier einen unerwünschten Geschmack annahmen. Gleichzeitig wurden die Behälter vor Korrosion geschützt.

Knapp 100 Jahre nach der Firmengründung stieß Hüni + Co in einen komplett anderen Wirtschaftszweig vor - die Kunststoffbeschichtung.

Hüni stellt "Protec" vor

Als die Firma am 1. August 1959 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, stellte Otto P.W. Hüni den neuen Geschäftszweig "Protec" vor, für den eine neue Fertigungshalle mit zwei großen 50000 Liter-Einbrennöfen gebaut wurde. Die ersten innenbeschichteten Tanks waren bereits an Balluff & Springer ausgeliefert worden. Anfangs wurden überwiegend lokale Kunden beliefert, bald auch Winzer und Obstproduzenten aus dem weiteren Umkreis. Andere renommierte Kunden folgten, auch aus komplett anderen Anwendungsgebieten. Die Ulmer Firma Magirus ließ Feuerlöschtanks beschichten.

1965 war es soweit: Otto P.W. Hüni zog einen Schlussstrich: Nach 106 Jahren wurde die Lederfabrik aufgegeben, "da die Rentabilität einfach nicht zu erreichen ist" - obwohl Leder nach wie vor den Hauptanteil zum Geschäftsumsatz beisteuerte. Die Lederfabrik schloss. Maschinen und Anlagen wurden ins Ausland verkauft, Mitarbeiter umgeschult, an andere Betriebe vermittelt oder pensioniert.

Die Belegschaft bestand nur mehr aus 24 Angestellten und Arbeitern, die nun allesamt für Hüni Protec eingesetzt werden. Für den erfolgreichen Start des neuen Geschäftsfeldes sorgte auch ein Boom auf dem Behältermarkt. Traditionelle Holzfässer wurden durch moderne Lagertanks aus Metall ersetzt, die wiederum beschichtet werden mussten. Doch auch Schwierigkeiten galt es zu meistern. Als von Magirus Reklamationen kamen, wurde so lange geforscht und entwickelt, bis es gelang, "dass mit neun Schichten bei fachmännischen Arbeiten ein absolut porenfreier Überzug erreicht werden kann", so Otto P.W. Hüni.

Diese Orientierung an der Kundenzufriedenheit zahlte sich aus. Der Protec-Umsatz entwickelte sich über die Jahrzehnte hervorragend: Von 1960 bis 2008 schlug eine Steigerung auf mehr als das Zwölffache zu Buche.

Hüni Immobilien

Im ständigen Bestreben, die Lederfabrik mit soliden weiteren Standbeinen auszustatten, baute Otto P.W. Hüni 1965 auf dem nördlichen Teil des Firmengeländes eine größere Wohnanlage. 96 Wohnungen entstanden. Peter Hüni setzte diese Aktivitäten mit dem Hüni-Gewerbepark fort, der 1999 an der Stelle des ehemaligen Schweizerhauses für die Landwirtschaftsangestellten mit dem "Haus im Wasser" erweitert wird. 2005 entstand die Wohnresidenz "Seegarten".

Regional denken - global handeln

Beschichtungen von Hüni + Co wurden bis nach Malaysia geliefert. Immer vom Bodensee aus (trotz der zurückgebliebenen Verkehrsinfrastruktur). An der Eckener Straße ist die Firma seit 150 Jahren ansässig. Die Umkehrung des Slogans: "global denken - regional handeln" traf auf Hüni + Co zu. "Wir sind eine bedächtige, bodenständige Region, keine Metropole. Typisch für die Landschaft ist der starke regionale Bezug der Menschen, ihre Bodenständigkeit, ihr Sinn für Werte und Traditionen. Da sind die Oberschwaben den Ostschweizern recht ähnlich", sagte Peter Hüni, und erinnerte dabei an seine Schweizer Vorfahren.

Diese Verbundenheit zur Region Oberschwaben war und ist ein Merkmal von Hüni + Co. Gepaart mit dem wachen Blick auf Märkte und Bedürfnisse trug diese Mentalität zum andauernden Erfolg des Unternehmens bei. Der Exportanteil betrug bis zu 40 Prozent, trotz oder wegen dieser regionalen Betrachtungsweise der Dinge.

Der Anteil an der Eposint AG in Pfyn in der Schweiz wurde im Frühjahr 2009 wieder abgestoßen - auch weil Pfyn "so weit weg ist", erklärte Peter Hüni.

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