"Entlassung als Bundestrainer war das Beste, das mir passieren konnte"

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Skisprung-Trainer Wolfgang Steiert über sein Amt bei den Russen

Der frühere Skisprung-Bundestrainer Wolfgang Steiert (46) aus Hinterzarten hat am vergangenen Sonntag bei der Leistungsschau von "bauTUTwas" in Tuttlingen geweilt. Im Gespräch mit Sportredakteur Roland Habel, das wir hier auszugsweise wiedergeben, ging er auf die Hintergründe seines Amtes (seit Ende 2004) als russischer Cheftrainer ein.

Sie waren seit dem Jahre 1993 Co-Trainer von Reinhard Heß, in diese Zeit fiel die Ära der Schwarzwald-Adler um Martin Schmitt und Sven Hannawald. Anno 2003 wurden Sie Nachfolger von Heß, doch bereits im Oktober 2004 kündigte ihnen der Deutsche Skiverband wieder. Woran lag es, dass Sie nicht als Bundestrainer in Tuttlingen sind?

Mit Sicherheit lag es daran, dass Reinhard Heß und ich, zusammen mit Henry Class, wahrscheinlich das erfolgreichste Team waren, das es jemals gegeben hat. Für mich war es wohl der schwierigste Job, nach Heß das Amt zu übernehmen, weil die Messlatte sehr, sehr hoch war. Man hat sich nur noch für den ersten Platz interessiert, da war ein dritter oder vierter Platz von Martin Schmitt oder Sven Hannawald nichts mehr wert. In dem Geschäft ist natürlich Geld und auch viel Neid im Spiel; das alles hat dazu geführt, dass man mich dann entlassen hat. Aber es war im Nachhinein die beste Entscheidung, die mir passieren konnte; so konnte ich ins Ausland gehen und den Deutschen zeigen, dass die Athleten nicht nur Schmitt und Hannawald waren, sondern sie auch sehr gute Trainer hatten.

Hatten Sie zuvor jemals irgendwann gedacht, den Posten als russischer Trainer zu übernehmen?

Ich habe mich bis dahin mit Sicherheit nicht damit beschäftigt. Ich hatte dann Zeit zu Hause - ich habe ja mein Geld weiter bekommen. Schon zwei Monate später wurde ich russischer Nationaltrainer. Es ist ein Land, das mich unheimlich gereizt hat. Ich habe gemerkt, dass es dort Talente gibt, dass man was machen kann. Und jetzt, nach vier, fünf Jahren, schauen die ganzen Trainer nicht mehr nach Deutschland, sondern nach Russland, weil sie denken, da ist unheimlich viel Geld im Spiel und da geht was. Aber ich würde eher sagen, dass sehr, sehr gute Arbeit gemacht wird und dass wir gute Talente haben.

Als russischer Trainer sind Sie ja nicht nur tein sportlich gefordert. Wo besteht der größte Nachholbedarf?

Russland ist noch in Skisprung und Infrastruktur ein Land, zwar sehr kalt, aber es gibt noch keine Anlagen. Wir trainieren nur in Mitteleuropa. Wir sind teilweise vier bis sechs Wochen unterwegs, da sind die Leute fort von daheim, das ist das größte Problem. Aber die Athleten merken jetzt so langsam, dass sie vorne in der Weltspitze mitspringen, teilweise auch um den Sieg mitspringen. Das ist natürlich eine Riesen-Motivation für die Jungs.

Wie groß sind die sprachlichen Hindernisse -wie bewältigen Sie diese?

In Deutschland ist es ja,wenn man zu viel spricht, nicht so gut ... Ich halte es lieber damit, etwas weniger zu sprechen. Haupt-Sprache ist mittlerweile Englisch und Deutsch; weil sich die Athleten sprachlich sehr gut weitergebildet haben. So werden sie jetzt auch von den anderen Nationen akzeptiert. Es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich russisch sprechen würde, aber dazu muss man sich wohl ein halbes Jahr im Land aufhalten; die Zeit habe ich nicht.

Wie gelingt es Ihnen, die russische Nationalmannschaft näher an die Weltspitze heranzuführen?

Da muss man ein bisschen verrückt sein. Meine Lebensgefährtin merkt es - 24 Stunden am Tag drehen sich ums Skispringen; und wenn die Saison Ende März vorbei ist, geht es ungefähr zwei Wochen in den Urlaub. Da zerbricht man sich den Kopf schon wieder, wie kann man die Athleten verbessern. Aber wir haben ein sehr gutes, hoch motiviertes Team.

Wie organisieren Sie Ihre Arbeit? Sind Sie mehr in Russland oder mehr in Deutschland?

Zur Zeit ist es hundert Prozent Mitteleuropa. Weil es in Russland keine Infrastruktur gibt, lohnt es sich auch nicht, da hinzufahren. Wir müssen schauen, dass die Struktur und die Trainerausbildung und die Struktur in Russland verbessert werden. Das ist alles noch auf einem sehr, sehr alten Stand. Unser Ziel ist es natürlich, in Vancouver im Team um eine Medaille zu springen, aber wir haben auch einen Athleten, der im Einzelwettbewerb um eine Medaille mitspringen kann. Für mich als Deutscher und Trainer der Russen ist es immer am schönsten, wenn man dabei ist und weiß, wie hart die Aufbauarbeit war. Und wenn man sich den nötigen Respekt bei den anderen Nationen erwirbt, ist es das beste Zeichen, dass man eine gute Arbeit gemacht hat.

Zu Beginn Ihrer aktiven Karriere gab es einen guten Skispringer aus dem Kreis Tuttlingen, Joachim Ernst vom SV Trossingen, der jetzt in Graubünden lebt. Erinnern Sie sich an ihn?

Ich war mit Jochim Ernst in der Nationalmannschaft; es war schon überraschend, wo er gekommen ist; er ist 1982 Deutscher Meister geworden. Aber er war nicht allzu lange dabei; und international ist er auch nicht so in den Vordergrund getreten. Ich habe ihn vor einigen Jahren einmal in St. Moritz gesehen; er hatte fünf kleine Söhne im Gefolge. Ich glaube, die springen alle - vielleicht kommt ja mal ein junger Schweizer her, der Ernst heißt und über seinen Vater eine Beziehung zum Schwäbischen hat....

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