„Windel-Willi“ frisst alles

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„Windel-Willi“ frisst alles, was es rund um gebrauchte Windeln so gibt: Einmalhandschuhe, Tupfer, Molton-Unterlagen, Wegwerf-Pflegeartikel. Eben all das, was in Krankenhäusern oder Alten- und Pflegeheimen an Inkontinenzabfällen so zusammenkommt. 2008 beispielsweise hat „Windel-Willi“ 2200 Tonnen Abfälle verarbeitet. Damit war der Durchbruch geschafft, weil der millionenteure Ofen erst ab dieser Menge wirtschaftlich arbeitet, schwarze Zahlen schreibt. Dieses Jahr sollen schon 3000 Tonnen verbrannt werden. Maximal ist „Windel-Willi“ auf eine Kapazität von 4000 Tonnen ausgelegt.

Das Pilotprojekt rund um „Windel-Willi“ hat zwei Väter. Zwei technik-vernarrte Bastler. Der eine heißt Marco Nauerz, ist Ingenieur. Der Ofen ist bekundetermaßen sein „Kind“, weil der Bauingenieur der Stiftung Liebenau das Pilotprojekt technologisch umgesetzt hat – „praktisch aus dem Nichts“. Und weil Nauerz die Anlage nicht nur genehmigungsrechtlich durchgeboxt hat, sondern auch die kaufmännische Seite der Verbrennungsanlage auf solide Beine stellen musste.

Der andere Geburtshelfer der technologischen Innovation ist der Leiter der Betriebstechnik: Elektroingenieur Michael Staiber. Die zwei sind Teamworker „aus Überzeugung“. Weil dem so ist, stehen sie nicht allein. Die zwei Ingenieure bekommen Unterstützung und Rückendeckung von Joachim Locher, dem Prokuristen des Liebenau Gebäude- und Anlagenservice (Ligas). Als Tochter der Stiftung Liebenau sorgt die Ligas dafür, dass das Feuer in „Windel-Willi“ lodern kann – und zwar in wirtschaftlicher Hinsicht als auch unter betriebsrechtlichen Gesichtspunkten.

Da haben sich drei gefunden. „Nur so ist das Windel-Verbrennungs-Projekt zu dem geworden, was es heute ist: eine höchst erfolgreiche Angelegenheit.“ Wenn Marco Nauerz das so sagt, dann ist sein Stolz auf das Geleistete unverkennbar. Der Erfolg beziehungsweise die Leistungsfähigkeit von „Windel-Willi“ hat sich herumgesprochen.

Marco Nauerz sitzt, nachdem die Anlage problemlos läuft, pausenlos am Telefon, kann sich vor Anfragen kaum retten. Sie kommen aus Deutschland – und aus dem Ausland. Mancher Interessent ist am Patent der Anlage interessiert. Die Stiftung Liebenau aber will die Rechte behalten. Ein Partner darf es jedoch durchaus sein. Entsprechende Verhandlungen laufen bereits. Insider rechnen noch dieses Jahr mit einem Abschluss.

Freilich auch ohne Partner gilt: Kunden gibt es jede Menge. Ihre Zahl geht in den dreistelligen Bereich. Die Stadt Wangen beispielsweise ist seit 2008 im Boot, liefert Windelabfälle in Tonnen-Chargen an. Das tun auch die Kurstadt Bad Wurzach und die Gemeinde Vogt. Sowas geht natürlich nicht zum Nulltarif. Bei 130 Euro je Tonne liegt derzeit der durchschnittliche Verwertungspreis. Hinzu kommen noch die Transportkosten. Ein Wert, der laut Nauerz dem Marktgeschehen unterliegt und vor zwei Jahren noch bei 150 Euro gelegen hat.

Vorbildliche Energieverwertung

Während der nötige Brennstoff also zur Genüge kommt, ist die Art und Weise der Energieverwertung ebenso vorbildlich wie die Erfindung an sich: Die Verbrennungsenergie erhitzt einen Heißwasserkessel. Die entstandene Wärme wiederum nutzt über eine Dampfleitung die Wäscherei der Stiftung. Oder der heiße Dampf gart 2800 Essensportionen der Großküche der Behinderten-Einrichtung.

Nachts und sonntags aber, wenn die Wäscherei ruht und die Küche kalt bleibt, speist die aus Inkontinenzabfällen gewonnene Energie ein Nahwärmenetz, oder es profitieren Blumen und Gemüse in den Gewächshäusern der Stiftung. Ganzjährige Nutzung - samt Bezahlung durch die beliefertenStiftungsgesellschaften, ist gegeben. Betreiber-Herz was willst du mehr?

Nach Worten von Marco Nauerz „würde Deutschland rund 20 „Windel-Willis“ vertragen - ohne dass denen der Brennstoff ausgeht.“ Zweifellos hat die technische Innovation mit Wurzeln am Bodensee das Zeug, sich flächendeckend auszubreiten.

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