Uslucan: "Migration ist auch eine Gewinngeschichte"

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LINDAU - Haci-Halil Uslucan wurde in der Türkei geboren, kam als Kind nach Berlin und studierte Psychologie, Philosophie und vergleichende Literaturwissenschaft. Er ist Gastprofessor in Hamburg und beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen von Gewalt. In seinem Vortrag hat er gestern den kulturellen Kontext in der Wahrnehmung von Patienten untersucht.

Haci-Halil Uslucan begann mit "einem Schritt zurück in die Geschichte" und stellte fest, dass es Migration immer schon gegeben habe. Abraham brach auf, um in die von Gott versprochene Heimat zu kommen, Odysseus war jahrzehntelang unterwegs, und die islamische Zeitrechnung beginnt, als Mohammed Mekka verlässt und nach Medina geht.

In den meisten Fällen ist der Aufbruch in ein neues Land, an einen anderen Ort, mit der Hoffnung verbunden, gestärkt in die Heimat zurückzukehren. Grundsätzlich ist Migration nicht immer nur eine Verlustgeschichte, sondern auch eine Gewinngeschichte. Uslucan: "Für viele Einwanderer hat sich die Migration gelohnt." Für Probleme sind nicht immer nur kulturelle Konflikte verantwortlich. Auch deutsche Jugendliche haben Identitätsprobleme, auch deutsche Arbeitnehmer leiden unter psychosomatischen Beschwerden. Die kulturelle Herkunft dürfe deshalb nicht als Hauptgrund für Beschwerden verantwortlich gemacht werden. Grundsätzlich könne man sich auch gegen die Vorgaben der Herkunftskultur entscheiden.

Migranten agieren nicht im luftleeren Raum, es handelt sich um interaktive Vorgänge mit unterschiedlichen Folgen. Uslucan unterschied vier verschiedene Formen des Verhaltens in einem neuen Land: Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung. Aus Kanada, einem klassischen Einwanderungsland, kommt eine Studie, aus der hervorgeht, dass sich die meisten Einwanderer erfolgreich integrieren und assimilieren, Separation und Marginalisierung spielen nur eine geringe Rolle.

Auch wenn Migration in vielen Fällen positiv erlebt werde, so gebe es doch spezifische Schwierigkeiten von Migranten. Dazu gehören aufgrund sprachlicher Probleme unter anderem ein erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung und zur Kenntnis arbeitsrechtlicher Bedingungen. Mehr Migranten als Einheimische leiden unter Stress, sie nehmen häufiger die Notfallambulanz in Anspruch und die Beratung bei Schwangerschaftskonflikten, sie leiden häufiger unter Gastritis und Magenkrebs. Oft werden nicht nur die Schulmedizin in Anspruch genommen, sondern auch alternative, religiöse Heilverfahren. Das kann kontraproduktiv sein.

Uslucan empfahl, Patienten mit Migrationshintergrund immer zu fragen, welche Formen der Hilfe noch wahrgenommen werden. Er warf aber auch einen Blick auf die andere Seite. So können Helferpersönlichkeiten unterschieden werden in Eroberer, Relativisten, Universalisten und Synergisten. Die Eroberer setzen ihre Sicht der Dinge als Maßstab absolut, die Universalisten vertrauen auf eine gemeinsame Schnittmenge kultureller Muster, und die Synergisten gehen davon aus, dass Begegnungen für beide Seiten bereichernd sein können. In der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen lassen sich nach Uslucan die eigenen kulturellen Muster wahrnehmen: So wird in Deutschland eher im Stillen getrauert, was von Türken oft als "Gefühllosigkeit" interpretiert wird, während in der Türkei laut getrauert und geklagt wird, was hier als inszeniertes Trauern und Klagen wahrgenommen wird.

Odysseus litt unter Heimweh

Um Heimweh ging es im letzten Teil seines Vortrags. Schon Odysseus litt unter Heimweh, und obwohl er auf Frauen traf, die ihm das Glück auf Erden versprachen, zog es ihn doch immer wieder zurück nach Hause. Wenn heute von der Welt als "globalem Dorf" gesprochen wird, scheint es fast so, als dürfe es Heimweh nicht mehr geben. Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass Menschen nicht nur an Personen gebunden sind, sondern auch an Orte. Außerdem ist Heimweh abhängig vom Alter - Ältere haben häufiger Heimweh als Junge, Gläubiger weniger Heimweh als diejenigen, die keinen Glauben praktizieren. Uslucan: "Am wenigsten leiden Türkinnen mit akademischen Abschlüssen unter Heimweh."

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