Ausstellung erinnert an Approbationsentzug jüdischer Ärzte

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15 Bildtafeln sind im Foyer des Stadttheaters Lindau aufgebaut - und sie erzählen anhand von exemplarischen Schicksalen Bände. Von einer Zeit, in der Juden Leben oder Heimat geraubt wurden. Und als erstes die berufliche Existenz. "70. Jahrestag Approbationsentzug jüdischer Ärzte" findet im Rahmen der Lindauer Psychologietage statt - eine Ausstellung wider das Vergessen.

Die ersten sechs Tafeln vermitteln den historischen Kontext zu den Einzelschicksalen - und einen Einblick, wie willfährig die Standesorganisationen im Dritten Reich mitspielten. "Die ärztlichen Spitzenverbände begrüßen freudigst...", heißt es im Deutschen Ärzteblatt zur Machtergreifung der Nazis und dem "Aufbau einer wahren Volksgemeinschaft". Sechs Jahre später ist, so eine Zeitungsmeldung, die "gesamte Gesundheitspflege von Juden gereinigt".

"Ich bin in Dachau", so fängt ein Brief von Dr. med. dent. Herbert Stein an. Er hatte in München eine gemeinsame Zahnarztpraxis mit Schwiegervater Fritz Baron. Das Schicksal, nicht mehr praktizieren zu dürfen, teilen beide mit rund 270 Münchner Ärzten. Darunter der ebenfalls in der Ausstellung portraitierte Kinderarzt Dr. Julius Spanier, der schwerkrank Theresienstadt überlebte, nach dem Krieg kommissarischer Leiter des Ärztlichen Bezirksvereins München war, Chefarzt des Säuglingskrankenhauses in der Lachnerstraße und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde.

Dr. Magdalena Schwarz, die nach dem Entzug der Approbation noch einige Jahre als "jüdische Krankenbehandlerin" weiterarbeiten konnte, verdankte ihr Überleben einem Kollegen, der sie vor der letzten Deportation im Januar 1945 in der geschlossenen Abteilung im Krankenhaus Schwabing versteckte. Sie praktizierte bis 1971 in der Münchner Mandlstraße. Dr. Max Mohr, der sich als Dramatiker einen Namen gemacht hatte, ging nach Shanghai ins Exil und starb dort. Professor Dr. Erich Benjamin, Leiter des Kindersanatoriums Zell-Ebenhausen und Pionier der Heilpädagogik, emigrierte in die USA und setzte 1943 seinem Leben ein Ende.

Fakten gehen unter die Haut

Eine Ausstellung mit Fotos, Briefausschnitten, Skizzen, Kennkarten und Approbationsurkunden, die in ihrer Eindringlichkeit unter die Haut geht. Konzipiert hat sie das Ehepaar Ursula und Dr. Hansjörg Ebell, gestaltet wurde sie von Tobias Wittenborn. Als Schirmherrin fungiert Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Die Ausstellung baut auf zwei Dokumentationen über Münchner Ärzte auf, die zum 50. und 60. Jahrestag des Approbationsentzugs erschienen. Zum ersten Mal gezeigt wurde sie im Juli letzten Jahres bei der Kassenärztlichen Vereinigung in München, exakt 70 Jahre nach Erlass der Verordnung über die "Bestallungsentziehung", die am 30. September 1938 in Kraft trat. Im Gasteig war "70. Jahrestag Approbationsentzug jüdischer Ärzte" im Oktober zu sehen.

Im Januar, zur Gedenkveranstaltung der Kassenzahnärzte, kamen zu den ursprünglich 12 Bildtafeln noch drei weitere dazu, die das Schicksal von Zahnärzten dokumentierten. "Es gab damals Widerstände", erinnert sich Hansjörg Ebell an die 80er Jahre, in denen die Liste demokratischer Ärzte mit den Recherchen für die erste Dokumentation begann. "Heute tun sich alle leichter, sich dem zu stellen", ergänzt Ursula Ebell.

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