Josefles-Bier soll Bechter-Häuser retten

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Das Bürgerforum Altstadt Ravensburg knüpft heute, am Josefstag, auf dem Spielplatz in der Rosenstraße an eine Ravensburger Tradition an: Ab 16.30 Uhr schenkt es "Josefles-Bier" aus, und wer heute Namenstag hat, für den gibt's ein Glas Freibier. Das Bürgerforum will so den Verfall der Bechter-Häuser stoppen.

Was auf den ersten Blick vergnüglich anmutet, hat einen ernsten Hintergrund. Bereits seit 1993 setzt sich das Bürgerforum immer wieder dafür ein, dass der Verfall der sogenannten Bechter-Häuser (Rosenstraße 18, 20 und 22 sowie Rossstraße 1 und 3) endlich gestoppt wird. Nicht weniger als fünfmal ist in den "Altstadt-Aspekten" bereits der Finger auf die Wunde mitten in der Altstadt gelegt worden, zuletzt in der Ausgabe 2005/06.

Denn die fünf Häuser repräsentieren ein Stück Ravensburger Brauereigeschichte. 1846 hatte der Bäcker und Brauer Anton Zimmermann die Bierbrauerei zur Rose (Rosenstraße 20 mit Rossstraße 1 und 3) gegründet. 1877 übernahm Felix Bechter den florierenden Betrieb und erweiterte ihn um die Gebäude Rosenstraße 18 und 22. Insbesondere das 1897 im wilhelminischen Burgenstil errichtete Gebäude Rosenstraße 22 neben dem kleinen Spielplatz (heute Spielothek "Joker"), ein Gebäude mit verfallenem Erker aus der Gründerzeit, mit seiner in der Kernstadt einzigartigen Klinkerfassade, liegt dem Bürgerforum am Herzen.

1958 schließt die "Bierhalle"

Bereits 1999 hatte es Denkmalschutz dafür gefordert - vergebens. 1911 wurde das Bräuhaus aus der Rossstraße in die Höll verlegt. In den 1930er-Jahren bot "Bechters Bierhalle" vier stattliche Säle für Vereins- und Familienfeiern an. 1958 wurde der Betrieb eingestellt. Doch es gibt noch Zeitzeugen, die zusammen mit vielen Ravensburgern am Josefstag im "Bechter" das traditionelle "Josefles-Bier" getrunken haben, das viele Jahre lang speziell für diesen schon längst abgeschafften Feiertag gebraut worden war.

Und gern haben die Ravensburger auch im Bechtergarten (Nähe Kuppelnau) gesessen. Bechter und sein Bier waren vor dem Ersten Weltkrieg weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. "Die Gebäude der ehemaligen Kleinbrauerei Bechter" (die noch 1882 fast ein Dutzend Konkurrenz-Brauereien in Ravensburg hatte, von denen nur die Brauerei Leibinger übriggeblieben ist) samt ihren Gasträumen verraten heute vieles - nur kaum noch Spuren von einer einstmals qualitätsvollen Architektur, von Handwerkstradition und gepflegter Gastlichkeit", bedauert man beim Bürgerforum. Maria Ballarin und ihre Mitstreiter wollen dem weiteren Verfall einfach nicht tatenlos zusehen.

Heute ist Bierprobe

Deshalb laden sie heute zur "Josefles-Bierprobe" ein. Sie sind entschlossen, den öffentlichen Druck auf die Stadt und den Eigentümer der Gebäude, Rolf Eissler in Tettnang, zu erhöhen, damit endlich etwas geschieht, auch um das 1911 zum Biersaal umgestaltete Brauereigebäude mit Jugendstilgiebel in der Rossstraße 3 zu retten und die 1925 gestalteten Art-Deco-Fenster in diesem Gebäude, die nach Entwürfen des Ravensburger Malers Vincenz Marschall vermutlich in der Ravensburger Glaswerkstatt von Eduard Hecht entstanden waren.

Doch obwohl sich die Bechter-Häuser im Sanierungsgebiet befinden, sieht Eigentümer Eissler zumal in der derzeit schwierigen wirtschaftlichen Lage und wegen seines fortgeschrittenen Alters von inzwischen 69 Jahren keine Möglichkeit, eine Sanierung hinzubekommen, die sich rechnet, wie er auf Anfrage erklärte. Gerne, so fügte er hinzu, hätte er sich mit der Stadt Ravensburg bereits vor 30 Jahren auf eine vernünftige Lösung geeinigt, die damals jedoch nicht zustande kam.

Der Eigentümer: "Bei so einem Projekt müssen Sie dahin kommen, dass es sich selbst trägt." Die Rentabilitätsschwelle zu meistern, sei jedoch in Ravensburg schwierig, gibt er zu bedenken. Eine Einladung zur heutigen Bierprobe hat ihm das Bürgerforum zwar zugesandt, um auch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Doch der Eigentümer will ihr nicht folgen. Beim Bürgerforum wird ihm inzwischen unterstellt, gar nicht an der Sanierung der inzwischen wegen Baufälligkeit teilweise leerstehenden Bechter-Häuser interessiert zu sein, sondern auf den Abriss zuzusteuern.

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