Stefan Aust liest nicht, sondern erzählt die RAF-Geschichte

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Am Dienstagabend hat der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und RAF-Spezialist Stefan Aust im übervollen Kiesel aus seinem gerade verfilmten Bestseller "Der Baader-Meinhof-Komplex" erzählt. Aust spielt darin selbst eine gewichtige Rolle.

"Die Zeit hat ihn einen der einflussreichsten Journalisten des Landes genannt", sagte Franz Hoben vom Kulturbüro Friedrichshafen im randvollen Kiesel. "Na, na, na, na", meinte dazu der mit Bescheidenheit kokettierende Stefan Aust und schaute mit seinem großen Kopf und kleinen, stechenden Augen beständig ins Publikum. Er hatte sich die Hemdsärmel hochgekrempelt und setzte sich nicht an, sondern auf den Lesertisch. "Wenn Sie schon unbequem sitzen, kann ich das auch." Noch immer strömte Publikum in den Kiesel und setzte sich dorthin, wo noch frei war:- auf die Treppe. "Jemand hat mal gesagt, ich hätte mich mein halbes Leben mit diesem Thema befasst. Aber das stimmt nicht, ich habe nachgerechnet. Es sind zwei Drittel meines Lebens." Das Thema, von dem Aust spricht, ist die RAF - Andreas Baader, seine Genossen, ihr Terrorismus und das, was da seit 1967 wirklich passiert ist.

Sein 1985 erschienenes Standardwerk "Der Baader-Meinhof-Komplex" wurde im vergangenen Jahr völlig überarbeitet und ergänzt, neu herausgegeben und verfilmt. Das Werk ist noch immer Bestseller und in seinen Details präziser denn je. Das dicke Buch liegt neben Aust auf dem Tisch. Er rührt es nicht an, sondern erzählt frei daraus. Die Geschichte kennt er längst in und auswendig.Stefan Aust mag bescheiden wirken wollen, aber er ist es nicht.

Er weiß durchaus um sein profundes Wissen, er weiß, dass er ein Faktotum ist, ein Journalist, der die Arbeit eines Lebens auf sich nahm, eine komplexe Sache so gründlich zu erforschen wie möglich. Das hört man, wenn er seine Erzählung immer wieder mit einem heftigen "So!" bestätigt. Die Geschichte ist mitreißend, ein deutsches Abenteuer während des Kalten Krieges samt Bomben, Mord und Liebe. Dann atmet man auf, merkt, das ist ja alles wirklich passiert, und hält wieder den Atem an. Spannend, schrecklich. Wie Aust darüber spricht, wird klar: Das ist eine Geschichte, die fest mit seinem eigenen Leben verflochten ist. Ende der 60er Jahre fing Aust als junger Journalist bei der vom Verfassungsschutz "undogmatisch linksextrem" eingestuften Zeitschrift "Konkret" an. Dort lernte er Ulrike Meinhof recht gut kennen. "Eine eindrückliche Person mit einer eindrücklichen Stimme, damals noch eine klassische Linke." Aust wechselte bald zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) und arbeitete für dessen Fernsehmagazin "Panorama". Im September 1970, als sich die Ereignisse längst überstürzten, befreite er zusammen mit RAF-Aussteiger Peter Hohmann die in Sizilien versteckt gehaltenen Zwillingstöchter von Ulrike Meinhof und brachte sie zu ihrem Vater, dem "Konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, nach Hamburg. Durch diese Einmischung wurde Aust von der RAF-Führung als Feind klassifiziert und entging knapp deren Mordkomplott.

Nachdem Aust die Gefahren ausgesessen hatte, wollte er ganz genau wissen, wie und warum es zur Eskalation kam. Er las über viele Jahre zehntausende Seiten Gerichtsprotokolle, hörte unzählige Tonbänder, zog alte Bekannte und Zeugen ins Vertrauen. In minutiöser Arbeit arbeitete er die Geschichte der RAF auf, und noch heute setzt er sich für die Freigabe von "geheimen" Dokumenten ein. Dieses Wissen erscheint in immer wieder auf den Stand des Wissens ergänzten Ausgaben seines bisherigen Lebenswerkes "Der Baader-Meinhof-Komplex". Aust ist zwar links orientiert, distanziert sich aber entschieden von der RAF-Ideologie und von Gewaltanwendung im Allgemeinen. Auch kann er an der Geschichte nichts verherrlichen: "Dafür wusste ich von Anfang an zu viel darüber."

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