Wenige Spuren erinnern an Vichy-Zeit

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SIGMARINGEN - Auf großes Interesse ist die Vichy-Führung von Dr. Otto Becker gestoßen. Aus Zeitungen, Akten und Erzählungen von Zeitzeugen hat der ehemalige Staatsarchivar die Ereignisse um Marechal Philippe Petain und die vielen Franzosen in Sigmaringen zusammengetragen.

Auf dem Schloss wehte die Tricolore, Franzosen füllten nachmittags die Cafés und die auffällig geschminkten Französinnen gaben der Stadt in diesen elenden Kriegstagen ein unwirkliches, mondänes Flair. Sigmaringen wurde ab Oktober 1944 zur Hauptstadt Frankreichs. Deutschland unterhielt in Sigmaringen eine deutsche Botschaft wie auch die verbündeten Staaten Japan und Italien. Gebäude wurden beschlagnahmt, um die fremde Regierung und die vielen Leute unterzubringen. Der Bahnhof war Schauplatz von dramatischen Szenen, wenn die exilierten Franzosen ankamen und sich orientieren mussten. In St. Johann nahmen sie regelmäßig an den Gottesdiensten teil.

Französische Hauptstadt

Mit Rund 70 interessierten Bürgern, darunter zahlreiche Franzosen der Deutsch-Französischen Gesellschaft, ging Dr. Otto Becker durch die Stadt und erklärte ausführlich das kurze Schauspiel der Vichy-Franzosen. Als Vichy-Regime bezeichnet man die Regierung von Vichy-Frankreich, das heißt der "unbesetzten Zone" Frankreichs nach Anerkennung der militärischen Niederlage gegen das Deutsche Reich im Juni 1940. Sie erhielt den Namen nach ihrem Regierungssitz, dem Kurort Vichy in der Auvergne. "Nach der alliierten Landung in der Normandie wird die Vichy-Regierung durch Führerbefehl ins Schloss Sigmaringen verlegt", erklärte Dr. Becker.

Es muss am 8. oder 9. September 1944 gewesen sein, dass unter Ausschluss der Öffentlichkeit - die Rollos wurden herunter gezogen - der Marechal Petain im Rathaus ankam. Am nächsten Tag reiste Ministerpräsident Pierre Laval an. Die Fürstenfamilie wurde wegen der Umorientierung der verwandten rumänischen Königsfamilie (russische Truppen standen kurz davor, das Land zu besetzen) unter Schutzhaft genommen und nach Wilflingen in das Schloss der Stauffenbergs ausquartiert. Im Hofgarten, im Schloss Krauchenwies, im Prinzenbau, in Gebäuden der Karlsstraße, in den Hotels wie Bären, Löwen und Adler, überall waren Franzosen. "Doch die Sigmaringer Bürger empfanden keine Abneigung gegen die Franzosen, weil sichtbar war, dass sie nicht bevorzugt behandelt wurden. Sie erregten eher Mitleid wegen den leichten Sommerkleidern, die sie trugen, und den üblen Lebensverhältnissen in den Hotels", erzählte Dr. Becker. Der Schriftsteller Celine hat diese dramatischen Verhältnisse in einem Roman eindrücklich geschildert. Die Franzosen publizierten eine Zeitung "La France", die bei Liehner gesetzt und in Konstanz gedruckt wurde und unterhielten einen Radiosender "Ici la France". Im Deutschen Haus fanden kulturelle Veranstaltungen und Tagungen der französischen Faschisten statt. Bei Kriegsende reisten die Vichy-Leute schnell ab. In der Stadt gibt es außer dem Grab von Pauline Bonnard, Mutter des Ministers Abel Bonnard, keine Spuren.

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