Am Nikolaustag verbrannte Lindau erstmals Juden

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LINDAU - Juden sind hierzulande nicht nur unter den Nazis verfolgt worden. Auch in Lindau haben Juden schon viel früher um Leib und Leben fürchten müssen. Heute, am Nikolaustag, jährt sich der Tag, an dem wohl zum ersten Mal in Lindau Juden wegen ihrer Religionszugehörigkeit umgebracht wurden. LZ-Mitarbeiter Karl Schweizer erinnert daran.

Am 6. Dezember 1348 löschte das christliche Stadtregiment Lindaus durch einen lokalen Massenmord mit regionalem Signalcharakter die Existenz der bisherigen jüdischen Einwohnerschaft in Lindau aus. Hofkaplan Martin schrieb darüber 530 Jahre später: "Die Juden in Lindau waren in unserer Gegend die ersten, die als Urteil das Wort 'Feuertod' über sich sprechen hörten. 1348 loderten dort, 1349 in Ravensburg die Flammen zum Judentode."

Was war geschehen? Menschen jüdischen Glaubens sind in der freien Reichsstadt Lindau amtlich seit dem Reichssteuerverzeichnis von 1241 nachgewiesen. Die damaligen 100 Mark Silber Lindauer Reichssteuer umfassten auch 2 Mark Silber Steuer der Juden. Bereits im Jahre zuvor erwähnte die Konstanzer Münzordnung von 1240 Lindauer Juden. Die alte Bezeichnung "Judengasse" für den westlichen Teil der heutigen "Grub" weist vermutlich darauf hin, wo in der Stadt zeitweise zumindest ein Teil von ihnen wohnte.

Ob sich das jüdische Gotteshaus der Gemeinde, die Synagoge, damals im Bereich südlich des heutigen Lindavia-Brunnens oder bei der "Alten Metzg" zwischen dem heutigen Inselhotel und dem Diebsturm befand, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Dem Haus "das der Juden war" an der Alten Metzg laut Zinsbuch des Lindauer Damenstiftes von 1360, steht der Name "Judenschule" entgegen, für das Haus östlich neben dem heutigen Rathaus gelegen. "Judenschule" war eine alte Übersetzung für Synagoge beispielsweise bei Martin Luther. In der Lin-dauer Gebäudechronik von 1818 notierte deren Verfasser für den Platz südlich des Lindavia-Brunnens: "Schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts, als noch viele Juden in Lindau wohnten, stand an der Stelle desselben ihre Synagoge."

Rat bittet Juden in die Stadt

Fünf jüdische Menschen sind heute namentlich noch aus jener Zeit nachweisbar. Zu ihnen gehörten Bürger Süßkind Judeuß de Lindow, welcher 1343 auch das Bürgerrecht in Ravensburg erwarb, Lassauer (Lazarus) und Elyas. Letzterer war zeitweise sogar Mitglied im Rat der Stadt. Am 21. September 1286 liehen sich Abt Wilhelm von St. Gallen und Graf Ludwig von Montfort von der Lindauer Jüdin Maria (!) 30 Mark Silber, im Jahr darauf beide vom jüdischen Geldleiher Berchtold 19 Mark Silber.

Das Vierte Laterankonzil von 1215 hatte die Juden in christlichen Ländern von allen handwerklichen Berufen ausgeschlossen. Gleichzeitig war Christen bis 1435 verboten, Zinsen für ausgeliehenes Geld zu verlangen.

1344 richtete sich die Empörung etlicher Bürger Lindaus gegen christliche Bürgerinnen der Stadt, welche Geld zu einem wöchentlichen Wucherzinssatz von 4 Prozent, also jährlich über 200 Prozent verliehen. Zu ihrem Schutz behaupteten diese öffentlich, sie hätten dies den Franziskanern im Barfüßerkloster, dem heutigen Stadttheater, gebeichtet und von diesen die Antwort erhalten, es wäre eine lässliche Sünde, da sie damit Menschen in finanziellen Nöten helfen würden. Da Juden im Gegensatz zu den Christen Geld gegen Zinsen verleihen durften, rief der Rat der Stadt einen jüdischen Geldverleiher nach Lindau, der noch im gleichen Jahr erfolgreich die Aufnahme als Bürger Lindaus erreichte. Dafür verlieh er nun Geld für 43 Prozent im Jahr, beziehungsweise 2 Pfennige wöchentlichem Zins statt der wucherischen "christlichen" 10 Pfennige pro verliehenem Pfund Silber.

Trotzdem spitzte sich 1348 die Ausgrenzung der Menschen jüdischen Glaubens innerhalb der Stadtbevölkerung dramatisch zu. Am 25. Januar erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Region: "Die Leute waren zur selben Stunde wie unsinnig und litten unter heftigen Kopfschmerzen; manche stürzten zu Boden und gaben in heftigem Todeskampfe den Geist auf."

Fanatismus schürt Gerüchte

Im gleichen Jahr hielt die Pest Einzug im Bodenseeraum. Fanatisierte religiöse Geißeler zogen in ihren schwarzen Mänteln, verschleiertem Antlitz, großen, mit einem roten Kreuz geschmückten Hüten und Geißeln um ihre Hüften durch die Gegend. Interessierte Kreise schürten aus einer Mischung aus Unwissenheit und religiösem Fanatismus zunehmend eine Pogromstimmung gegen die Menschen jüdischen Glaubens. Sie setzen aus der Luft gegriffene Behauptungen in die Welt, wie die angebliche Vergiftung von Brunnen durch Juden sei Schuld am Aufkommen des "Schwarzen Todes".

Nach entsprechenden Massakern am 22. November in Augsburg und am 5. Dezember in Nürnberg schritt das christliche Stadtregiment Lindaus am 6. Dezember 1348 zur öffentlichen Mordtat. Die jüdischen Mitbürger wurden verhaftet und auf einem Scheiterhaufen verbrannt, vermutlich im Bereich der heutigen Villa Amsee. Damit entledigte man sich ganz nebenbei auch der Geldschulden bei den jüdischen Gläubigern. Jahrhunderte lang trug die Flur dort später den Namen "Judengerichtsstatt" oder "Judenanger". Es dauerte damals zehn Jahre, bis jüdische Menschen sich erneut trauten, in Lindau zu leben.

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