Vor 50 Jahren: Günter Grass liest in Großholzleute "Die Blechtrommel"

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Vom 31. Oktober bis zum 2. November 1958 hat im Historischen Gasthof Adler in Großholzleute die wohl berühmteste deutschsprachige Schriftstellervereinigung der Nachkriegszeit, die "Gruppe 47" getagt. Günter Grass las damals erstmals aus seinem späteren Welterfolg "Die Blechtrommel".

Nicht weit entfernt von Großholzleute, am Bannwaldsee bei Füssen, war elf Jahre zuvor die "Gruppe 47" entstanden, in der sich die Elite der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur informell zusammengeschlossen hatte. Gründer der Gruppe und Initiator der alljährlich stattfindenden Literatentreffen war Hans Werner Richter. Er lud vor allem junge, talentierte Schriftsteller ein, denn sein Beweggrund war, unbekannten Literaten mit der Tagung ein Forum zu schaffen.

"Mit Dank an Tante Finni"

1958 fiel Richters Wahl auf den Adler in Großholzleute. "Ich habe einen Gasthof gefunden, der mir sehr gefiel. Es war der ,Schwarze Adler' in Großholzleute, in dem schon die aufständischen schwäbischen Bauern in der Zeit der Bauernkriege getagt haben."

"Mit Dank an Tante Finni" und seiner Unterschrift trägt sich Richter am 31. Oktober 1958 als Erster in das Gästebuch des "Adlers" ein, das glücklicherweise erhalten blieb und zusammen mit dem Gasthof in den Besitz der Familie Alt übergegangen ist. Mit "Tante Finni" war die damalige, weithin bekannte Gastwirtin Josephine Würzer gemeint, die im blauen Kleid mit weißem Kragen das Regiment im "Adler" führte. Neben Hans Werner Richter haben sich viele der Tagungsteilnehmer - junge Schriftsteller, wie auch Kritiker und Verleger - zum Teil mit Anmerkungen und Zeichnungen auf insgesamt sieben Seiten verewigt. So finden sich Ilse Aichinger, Wolfgang Hildesheimer, Martin Walser, Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Walter Jens, Inge Aicher-Scholl, Ruth Rehmann und Siegfried Unseld unter den Unterschreibenden.

Reich-Ranicki lobt im Adler

Auch die Unterschrift des jungen Günter Grass findet sich im Gästebuch. Für diesen war die Tagung in Großholzleute eine ganz besondere: Hier erhielt er für sein damals noch unveröffentlichtes, heute millionenfach verlegtes Werk "Die Blechtrommel" den sporadisch vergebenen Preis der "Gruppe 47". Günter Grass las zwei Kapitel seines fast vollendeten, 700 Seiten starken Romans.

Marcel Reich-Ranicki, der ebenfalls in Großholzleute war, lobte den Autor als "vorzüglich und originell". Hans Werner Richter erinnerte sich: "Schon nach den ersten Sätzen ist der Saal wie elektrisiert." Und weiter beschreibt er die Begebenheit: "É in Großholzleute löste seine Lesung aus der ,Blechtrommel' eine Art Wirbelsturm aus. Alle bestürmten mich, diesmal den Preis zu vergeben. Jene Autoren, die neben ihrer eigenen Arbeit Lektoren bei irgendwelchen Verlagen waren, telefonierten mit ihren Verlegern. Jeder hätte die Blechtrommel gern in seinem Verlag gehabt. Viele von ihnen legten noch fünfhundert Mark zu dem Preis dazu, so dass eine für die damalige Zeit anständige Summe zusammenkam. Jeder ließ sich wohl in dem Gefühl mitreißen, selbst an dem Erfolg beteiligt zu sein.

Für Günter war es ein Tag des Triumphes, der sich in dieser Intensität trotz aller späteren Erfolge wohl nicht wiederholt hat. Ich selbst habe eine solche Euphorie in der Gruppe 47 nicht wieder erlebt. In wenigen Stunden, sozusagen über Nacht, war Günter zu seinem bekannten Autor geworden."

Der Münchner Historiker Dr. Gerhard Hölzle hat über die Tagung der Gruppe 47 in Großholzleute eine wissenschaftliche Abhandlung verfasst, in deren Mittelpunkt das bisher von der Forschung unbeachtete Gästebuch des Gasthofes steht. Der Aufsatz erscheint Anfang November anlässlich des 50. Jahrestages der Tagung in der nächsten Ausgabe des "Allgäuer Geschichtsfreundes", herausgegeben vom Heimatverein Kempten, sowie als Sonderdruck, der in Isny erhältlich sein wird.

Autoren von damals lesen

Außerdem plant der Arbeitskreis Literatur des Kulturforums Isny e.V. am 28. November im Historischen Gasthof Adler eine Veranstaltung, in deren Mittelpunkt eine Textcollage steht, die die Tagung in Großholzleute thematisiert und einen Teil der damals dort lesenden Autoren vorstellen wird. Der Historiker Dr. Gerhard Hölzle wird in das Thema einführen.

Nähere Informationen erteilt das Kulturbüro Isny unter Telefon (07562) 97563-50.

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