"Ich würde es wieder machen"

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LANDKREIS - Heute vor 25 Jahren, am 22. Oktober 1983, haben sich mehr als 200 000 Menschen bei den Händen genommen und eine 108 Kilometer lange Strecke von Stuttgart-Vaihingen bis nach Neu-Ulm zu den Wiley Baracks gebildet. Mit dabei waren auch Friedensbewegte aus dem Landkreis Biberach.

Sie demonstrierten an der Bundesstraße 10 gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland. Und dieses Schreckensszenario führte vor 25 Jahren deutschlandweit zu Menschenketten-Großdemos, in Bonn, Berlin und Hamburg sowie in Baden-Württemberg von Stuttgart nach Neu-Ulm.

Der heute 54-jährige Brauereichef Gottfried Härle aus Leutkirch war damals Student der Volkswirtschaft- und Cheflogistiker des Aktionsbündnisses, das die Menschenkette vorbereitete. Eine dreiviertel Jahr, so sagt er, habe er in Stuttgart eine Vollzeitstelle übernommen, um dieses logistische Großunternehmen zusammen mit dem Karlsruher Sonderschullehrer und Ideengeber Uli Thiel vorzubereiten.

Von Thiels Frau Sonnhilde stammte der Sponti-Spruch: "Was gilt die Wette, wir schaffen die Kette", sprich: Wir können sie schließen. Davon waren selbst die Organisatoren nicht restlos überzeugt und hatten sicherheitshalber Bänder im Gepäck, um etwaige Lücken - gedacht war an die Schwäbische Alb - überbrücken zu können. Fünf Minuten lang die Menschenkette geschlossen zu halten an jenem kalten Samstagnachmittag im "heißen Herbst 1983", so erinnert sich Gottfried Härle ans selbst gesteckte Ziel. "Am Ende waren es 15 oder 20 Minuten."

Er musste jeden Streckenabschnitt zuteilen, Sonderzüge bereitstellen und für den Informationsfluss sorgen. Gottfried Härle: "Das war die größte Herausforderung, gab es doch weder Handy noch Faxgerät damals." Es gab Absprachen mit der Polizei und dem damaligen Innenminister Roman Herzog zu treffen - "insgesamt ein hoher logistischer Aufwand."

"MV" verlegt Bundesligaspiel

Sie haben damals ein beeindruckendes Sinnbild für Frieden im Kalten Krieg geschaffen; die Bilder der 108 Kilometer langen menschlichen Verbindung vom European Command der US-Army in Vaihingen hin zu den atomar bestückten Wiles Barracks in Neu-Ulm gingen damals quer durch die Republik. Und Gottfried Härle hatte auch Gerhard Mayer-Vorfelder davon überzeugt, den für jenen Samstag angekündigten Bundesliga-Kick VfB gegen Bayern erst um 17 Uhr starten zu lassen. Härle gewann den Streit mit "MV" und der VfB mit 1:0.

War Gottfried Härle voll in die Gesamtorganisation eingebunden, hatte der Maselheimer Wolfgang Dürrenberger mit mehreren Mitstreitern aus der Region, organisiert im Biberacher Arbeitskreis Frieden, für den Streckenabschnitt Westerstetten zu sorgen. Und unter den Mitstreitern - selbst ein paar junge CDUler zeigten sich laut Dürrenberger bereit, für die Abrüstung zu demonstrieren - waren Mitbürger aus allen Schichten, darunter auch viele Frauen, zumeist organisiert in der Gruppierung "Frauen für den Frieden", etwa die frühere Grünen-Kreisrätin Elke Schlenker-Benz, Eva Zepp oder die Gemeinderätin Cornelia Furtwängler.

Sie beteiligten sich nicht nur an der Menschenkette, sondern organisierten einen schwarzen Trauerzug durch Biberach, eine Ausstellung mit besonderem Blick auf Frauen in Oberschwaben, die sich gegen gegen den Krieg engagiert haben.

Eine abschließende Frage an Eva Zepp: Wäre heute eine ähnliche Situation, würdest du wieder aufsteh'n, damals das Motto nach einem Agitprop-Lied der Eindhovener Band "Bots"? "Natürlich, ich würde es wieder machen." Nachrichten & Hintergrund

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