Bridge ist ein gefährliches Spiel

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LINDAU - Es ist Mittwochnachmittag. In einem großen Zimmer sitzen 36 Frauen und Männer in Vierergruppen an neun Tischen. Vor sich haben sie Karten liegen. Es wird bei konzentrierter Aufmerksamkeit und gespannter Ruhe gezockt. Dies ist aber keine illegale Spielhölle sondern hier trifft sich der Bridge-Club Lindau zum wöchentlichen Turnier.

Bridge ist das weltweit am meisten gespielte Kartenspiel - rund 60 Millionen Menschen spielen es organisiert in Clubs. Es ist äußerst spannend und wird als Schach der Kartenspiele bezeichnet. Im Bridge-Club Lindau frönen rund 100 Mitglieder diesem faszinierenden Denksport. "Bridge ist ein Spiel für Leute, die Lust am Denken haben", sagt Margarete Bretzler, die Vorsitzende des Bridge-Club Lindau. Und: "Bridge ist ein gefährliches Spiel; denn wer einmal damit begonnen hat, wen die Leidenschaft gepackt hat, der kommt nicht mehr davon los."

Bridge wird zu viert - aufgeteilt in zwei Paare - gespielt. Die jeweiligen Partner sitzen sich am Tisch gegenüber. Die Positionen der Spieler werden nach den Himmelsrichtungen bezeichnet. Es spielen Nord/Süd gegen Ost/West. Bretzler bildet heute gemeinsam mit Erich Kohnle, Sportwart des Clubs und Turnierleiter, ein Nord-Südpaar. Sylvia Hofmann und Renate Koepke, ein West-Ostpaar, kommen zu ihnen an den Tisch. Drei Runden spielen sie gegeneinander, danach wird gewechselt. An allen Tischen steht das West-Ost-Paar auf und geht methodisch an den nächsten Tisch. Die Nord-Süd-Paare bleiben jeweils sitzen. Nach diesem System hat am Ende des Turniers jedes Spielpaar gegen alle anderen gespielt.

Jede Woche am Mittwoch- und am Freitagnachmittag wird im Bridge-Club Lindau ein Turnier gespielt. Die Clubmitglieder, die Zeit und Lust haben, kommen in die Räumlichkeiten in der Bodenseeresidenz Am Schönbühl, die der Bridge-Club nutzen darf. Vier Stunden dauert so ein Turnier. Vier Stunden, in denen die Köpfe rauchen. Vie Stunden, in denen sie geistig hellwach sein und die sogenannte Tischpräsenz ständig beweisen müssen. Die erworbenen Punkte werden präzise ins Liga-System eingegeben. Das Spiel im Einzelnen zu beschreiben sprengt den Rahmen eines Zeitungsberichtes. Aber dies dürfte doch interessieren: Wie lange dauert es, bis ein Anfänger das Spiel versteht und mitspielen kann? Erich Kohnle: "Die Grundbegriffe lernt ein Spieler schnell. Wer andere Kartenspiele kennt, wie Skat oder Schafkopf, die mit einem Reizsystem funktionieren, tut sich auch mit der Raffinesse leicht."

Die sei es nämlich, was Bridge so spannend macht. Die Tatsache, dass es ungelogen 64 Milliarden verschieden Kartenkombinationen gibt, welche ausgeteilt werden können, erkläre vielleicht, dass kein Spieler je ausgelernt habe. "Man kann gut werden, sogar sehr gut. Aber perfekt nie", ist Kohnle, der vor 13 Jahren diesem Spiel verfallen ist, überzeugt. Bridge könne auf relativ einfache oder aber hochkomplizierte, beinahe philosophische Art gespielt werden. Bridge lebe von Weiterbildungen und Schulungen, eben weil niemand je auslernt und weil Bridge-Spieler meist sehr ehrgeizig sind, und begierig darauf, ihre Leistungen zu steigern. Mit dem Erlernen von Feinheiten, dem Erkennen von Möglichkeiten werde das Spiel immer interessanter. Je gewitzter der Spieler wird, umso mehr strategisches Denken er anwendet, umso faszinierender werde das Spiel.

Nichts fürs Kaffeekränzchen

Dass Bridge ein Spiel für Damen-Kaffeekränzchen ist, stimme nicht. Zwar sind bei den Nachmittagsturnieren tatsächlich hauptsächlich ältere Semester anwesend, aber das liege rein an der Zeit, weil die Jungen eben noch berufstätig sind. "In der Elite spielen die Jungen", sagt Kohnle.

Allerdings: Hut ab vor den Damen und Herren gehobenen Alters, die mit raffinierter Schläue vier Stunden lang mit komplizierten und gut durchdachten Spielzügen ihre Gegner austricksen, ausstechen und - unabhängig vom Alter, ganz schön alt aussehen lassen. "Das zeigt doch, wie geistig jung dieses Spiel hält", sagt Kohnle und betont, dass mit dieser geistigen Jugend am besten schon in jungen Jahren begonnen wird.

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