Ein großer – in seiner Heimat aber unbekannter Saulgauer

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Von Hermann Brendle

Alois Amann wurde am 3. Juni 1824 als zweiter Sohn des Wagnermeisters Jakob Ammann und dessen Ehefrau Maria Antonia geb. Birkhofer geboren. Sein Geburtshaus ist das heute noch erhaltene Gebäude Bogengasse 5, in dem der Vater auch seine Wagnerei betrieb. Allerdings starb die Mutter des damals neun Jahre alten Alois bereits im Jahre 1833. Wie sein Vater sollte auch Alois das Wagnerhandwerk erlernen und das Geschäft übernehmen. Doch der damalige Pfarrer und Schulvorstand Johann Michael Illmensee bemerkte dessen außergewöhnliche Begabung und riet dem Vater, Alois eine kaufmännische Lehre machen zu lassen. Hierzu stellte er ihm sogar eine Lehrstelle in Aussicht.

Weil sich sein Vater inzwischen wieder verheiratet hatte und die Stiefmutter mit Alois nicht besonders liebevoll umgegangen sei, soll dieser das Angebot gerne angenommen haben. Mit zwei Anzügen und 15 Gulden Taschengeld ausgestattet, schickte Jakob Ammann seinen 14-jährigen Sohn im Jahre 1838 in die Lehre nach Waldshut. Von diesem Zeitpunkt an war der junge Mann auf sich allein gestellt, denn er erhielt fortan von zu Hause keine Unterstützung mehr. Den Abstand zu seinem Elternhaus drückte Alois Ammann später dadurch aus, indem er das zweite "m" aus seinem Familiennamen strich.

Nach Abschluss der Lehre, die vier Jahre dauerte, arbeitete Alois Amann noch ein weiteres Jahr bei seinem Lehrherrn als Volontär. Anschließend begab sich der ausgebildete Kaufmann nach Freiburg, wo er in einem Großhandelsgeschäft eine Anstellung fand. Mit seinem dort ersparten Geld zog er wenige Jahre später an den Genfer See nach Nyon und erlernte hier die französische Sprache. Danach war er für eine schweizerische Nähseidenfabrik im Außendienst tätig. Zwischendurch wurde er jedoch auch im Betrieb eingesetzt, wo er die Herstellung der Nähseide näher kennen lernte.

Firmengründung in Bönnigheim

So hegte Alois Amann um das Jahr 1850 den Wunsch, eine eigene Fabrik für gezwirnte und gefärbte Nähseide zu gründen. Weil er hierzu jedoch einen finanzstarken Partner brauchte, gab er im "Schwäbischen Merkur" eine entsprechende Anzeige auf. Mit dem reichen Stuttgarter Kaufmann Immanuel Gottlieb Böhringer, aus dessen Verwandtschaft der heutige Pharmakonzern Böhringer Ingelheim hervorging, fand er dabei einen kapitalkräftigen Kompagnon. Dieser machte allerdings zur Bedingung, dass die Fabrik ihren Standort in Bönnigheim erhalten sollte – der Geburtsstadt seiner Frau. Deshalb erwarben die beiden dort ein größeres, gut gebautes Gebäude, das früher als Heim für ein Knabeninstitut diente. Dort richteten sie mit "eisernem Fleiß, Energie und Wagemut" eine Nähseidenfabrik ein. So konnten sie bereits am 1. November 1854 in einem Rundschreiben den "Vollzug der Gründung der Firma Amann & Böhringer auf dem Platze Bönnigheim bei Stuttgart, zum Zwecke der Fabrikation gezwirnter und gefärbter Seiden" verkünden. Alois Amann oblagen dabei vor allem die Produktion und der Vertrieb, während sich sein Geschäftspartner mehr um die Buchhaltung kümmerte. Als Firmenzeichen wählten sie richtungweisend das springende Pferd (wie später auch Porsche und Ferrari).

Aufgrund des enormen Einsatzes der beiden Inhaber florierte das Unternehmen rasch. Hielten anfangs noch zwei so genannte Radtreiber im Schweiße ihres Angesichts das große Schwungrad zum Antrieb der Maschinen in Bewegung, waren es im Jahre 1855 zunächst zwei Esel und später zwei Ochsen, die ein Göpelwerk antrieben. Im selben Jahr hatte Alois Amann bereits auch die Schwarzfärberei in eigener Regie aufgenommen, womit er zum Pionier auf dem Gebiet der Seidenzwirnerei in Deutschland wurde. Im Jahre 1856 entwickelte sich das Unternehmen bereits zur Fabrik, als vier neue Zwirnmaschinen sowie sechs weitere Windmaschinen nebst mehreren Spul- und Haspelmaschinen zur Aufstellung kamen. Statt der Ochsen wurden diese nun durch eine ebenfalls neu angeschaffte Dampfmaschine mit vier Pferdestärken angetrieben.

Nachdem der aus dem streng katholischen Oberschwaben stammende Alois Amann im Jahre 1858 zum evangelischen Glauben übergetreten war, verheiratete er sich im Jahre 1859 mit Julie Pauline Dittmar aus Heilbronn. Sie war die Tochter eines großbürgerlichen Heilbonner Messerfabrikanten. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, drei Söhne und zwei Töchter.

Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 erlebte die Firma Amann & Böhringer einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. Das ermöglichte ihr im Jahre 1880 die Konkurrenzfabrik Payr & Mayer in Augsburg aufzukaufen. Diese wurde somit bald zu einer Filiale des Hauptwerkes in Bönnigheim. Parallel dazu entstand in Mössingen ein weiterer Filialbetrieb. Als sich im Jahre 1882 sein ehemaliger Kapitalgeber und Mitinhaber Immanuel Böhringer ins Privatleben zurückzog, war es Alois Amann ohne Schwierigkeiten möglich, dessen Anteil auszubezahlen. Nach der Aufnahme seiner zwei ältesten Söhne wandelte er die Firma ein Jahr später in ein reines Familienunternehmen mit der Bezeichnung Amann & Söhne um. Anlässlich des weiteren Wachstum des Unternehmens unter dem Motto "Leistung und Wahrheit schaffen Vertrauen", heißt es im Jahre 1889 in einer in Leipzig erschienenen Industriebiografie Württembergs: "Die Firma Amann & Söhne in Bönnigheim gilt heute als das bedeutendste und leistungsfähigste Unternehmen der Seidenzwirnerei im ganzen deutschen Vaterlande".

Ernennung zum Kommerzienrat

Als hoch angesehener Geschäftsmann wurde Alois Amann mit der Zeit in viele Gremien berufen, unter anderem auch in den Aufsichtsrat der Schleppschifffahrt auf dem Neckar in Heilbronn. 1884 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bönnigheim und 1890 zeichnete ihn König Karl von Württemberg "wegen seiner Verdienste um die Wirtschaft des Landes" mit dem Titel Kommerzienrat aus.

Auf der Suche nach neuen Produktionsmöglichkeiten konnte die Firma Amann & Söhne im Jahre 1891 durch einen günstigen Zufall in Seriate und Telgate zwei Fabriken in Oberitalien erwerben und zu weiteren Filialbetrieben ausbauen. Doch bereits ein Jahr später starb der erfolgreiche Firmengründer Alois Amann am 28. September 1892 in seiner 1870 errichteten Villa in Bönnigheim. Vor dem Bau der Villa lebte er vom Jahre 1854 an mit seiner Familie eher bescheiden in einem um 1550 errichteten giebelständischen Bürgerhaus in Bönnigheim.

Nach dem Tod des Firmengründers führten dessen Söhne und Enkel den Betrieb erfolgreich weiter. Somit blieb die 1854 gegründete Nähseidenfabrik über 150 Jahre lang ein reines eigenständiges Familienunternehmen. Es wurde erst vor wenigen Jahren von den jetzigen Inhabern in ein Aktienunternehmen mit der internationalen Bezeichnung Amann Group umgewandelt. Das weit verzweigte Unternehmen ist heute der größte Nähseidenhersteller der Welt mit Produktionsstätten in vielen Ländern rund um den Globus und annähernd 1450 Beschäftigten. Die Hauptproduktionsstätte befindet sich seit den Jahren 1999/2000 in Irland. In Bönnigheim befindet sich seitdem nur noch die Verwaltungszentrale, doch immerhin noch unter dem Firmennamen Amann & Söhne GmbH & Co. KG.

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