Ein Schach-Großmeister schlägt sich durch

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Ein Schach-Großmeister, der hat es gut - denkt man. Er reist von Turnier zu Turnier, kassiert fette Prämien und hohe Preisgelder. Und dafür muss er nicht einmal arbeiten - nur Schach spielen eben. Doch die Realität sieht etwas anders aus.

Beispiel Henrik Teske. Der 40-jährige Reisende in Sachen Schach wurde bereits mit 23 Jahren Großmeister. Profi? "Nicht ganz", seufzt der bullige Ostdeutsche, "ich übersetze hin und wieder Bücher aus dem Englischen." Er lebt in Kufstein und spielt für Bundesligist TV Tegernsee in Deutschland. Mit seiner Mannschaft belegte er in der vergangenen Saison den 6. Platz; er selbst holte 5,5 Punkte. Die Gehälter sind aber mit Fußball, Tennis oder Golf nicht zu vergleichen. Also reist Henrik umher und besucht Turniere wie den Matoma-Cup in Trossingen.

Dafür ist sein Wohnort aber denkbar ungünstig. "Ich muss sehr auf die Preise achten", sagt er. Und die günstigen Flüge gehen nun mal ab Frankfurt-Haan. Das liegt knapp 700 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Dann kommt der Flug, dann wieder hunderte von Kilometern per Bahn oder Bus. Gerade kommt Teske auf diese Weise aus Spanien. Dort hat er 15 Turniere gespielt. Er wirkt müde und abgekämpft, aber der Matoma-Cup, das "Grinsende Türmle" hat es ihm angetan.

Am Freitag Abend ist Teske in Rottweil angekommen und sucht eine Herberge. Alles viel zu teuer - auf nach Trossingen. Ein Telefonat mit dem Turnierleiter, und schon ist ein Bett mit Waschgelegenheit gefunden. Ausschlafen, frühstücken, ein wenig Erholung. Mit einem frischen Hemd auf dem Leib und frischem Mut macht er sich auf den Weg zum Kesselhaus.

Aber nachdem Teske die Schachgöttin Caissa in Spanien nicht gerade gut gesonnen war, ärgert ihn jetzt auch noch das Wetter. Klatschnass und triefend begrüßt er, mit drei Koffern beladen, die Gastgeber vom Schachverein. "So wird das aber nichts", greift der Organisations-Chef gleich ein. "Mitkommen, duschen, Klamotten wechseln, Kaffee trinken!"

Junge, ehrgeizige Konkurrenten

Nach einer halben Stunde kehrt Teske ins Kesselhaus zurück und fiebert dem Turnierbeginn entgegen. Er hat eine ungünstige Ausgangsposition: mit einer Elo-Zahl von über 2500 ist er in diesem Jahr der Top-Favorit, der Gejagte. Argwöhnisch betrachtet er seine Kontrahenten. Junge, ehrgeizige Internationale Meister wie Ilja Schneider aus Berlin oder Favoritenschreck Thilo Kabisch. Und die sind auch noch ausgeruht.

Na ja, ran an den Speck. Anfangs läuft auch alles normal, Henrik gewinnt. Doch dann setzt ihn ausgerechnet dieser junge Ilja schachmatt. Henrik nimmt einen neuen Anlauf. Seine zweite Niederlage, gegen Kabisch, raubt ihm dann aber alle Chancen auf den Turniersieg. Die ganze Plagerei fast umsonst, dazu die lange Heimreise. Aber Großmeister Teske ist hart im Nehmen. Bald wird er wieder am Tisch und am Brett mit den 64 Feldern sitzen und den Sieg herbeisehnen.

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