Aufstieg beginnt in bescheidener Werkstatt

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WANGEN - "Wir sind hundert", verkündet die Firma Waldner. Bis die "Jubilarin" dieses stattliche Alter erreichten konnte, waren viele zündende Ideen, präzise Ingenieurleistungen und Beharrlichkeit nötig. Das Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg tat ein Übriges. Sichtbares Zeichen für diese Zeit ist in Wangen bis heute der Milchpilz.

Einst schossen sie wie Pilze aus dem Boden. Heute stehen noch zwei "Fliegenpilze" in der Region: In Bregenz in Sichtweite des Kunsthauses und in Wangen am Parkplatz mit der Nummer 1. Als in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Milchpilze entstanden, da wurde tatsächlich Milch über die Theke gereicht. Heute kann es auch ein Döner sein, wie man in Wangen sieht. Tatsache ist aber, dass der Milchpilz heute weit mehr ist als ein origineller Kiosk. Er ist schon fast ein Industriedenkmal und auf jeden Fall Treffpunkt.

Der Milchpilz - das war die Idee des damaligen Waldner-Chefs Anton Waldner. Der Kiosk sollte einen hohen Wiedererkennungswert haben. Die Idee war spitze. So wie Waldner heute Labors mit allem ausstattet, was des Auftraggebers Herz erfreut, so war auch der Milchpilz ein "all-inklusive-Angebot" mit Kühlschrank, Eismaschine und allem, was man sonst noch wünschte.

Behörde lehnt Milchpilz ab

Die Behörden, so berichtet die Firma Waldner, waren nicht in allen Fällen begeistert von dem ungewöhnlichen Aussehen. Die Württembergische Landesstelle für Naturschutz und Landschaftspflege hielt die neuen Kioske für "völlig abwegig", wie es in einem Schreiben aus dem Jahr 1952 heißt. Sie würden besser nach Amerika passen.

Dass nicht immer alles glatt läuft und in einer 100-jährigen Firmengeschichte auch heftige Rückschläge zu verkraften sind, das haben sowohl der Firmengründer, als auch sein Sohn erfahren müssen. Und auch später gab es nicht nur rosa Zeiten. Doch zu den Anfängen: Hermann Waldner, 1879 in Langenenslingen geborener Flaschner, hatte sich nach intensiven Wanderjahren in der Schweiz, Holland und Belgien sowie einer Station in Berlin schließlich 1908 in Wangen in der Spitalstraße sesshaft gemacht und dort eine - wie es heißt - "bescheidene Werkstatt" eröffnet.

Das Geschäft blühte sehr schnell, denn die Firma der Gebrüder Wiedemann - später Adler-Käsewerk - orderte Hunderte von Käseformen bei Waldner. So bezog die Flaschnerei bereits ein Jahr später in der Langen Gasse ihr neues Domizil. Waldner arbeitete erfolgreich an Produkten, die zur Milchverarbeitung benötigt wurden.

Der erste Rückschlag kam mit dem Ersten Weltkrieg. Doch Ideenreichtum half über manche Talsohle weg, beispielsweise über die Inflation in den 20-er Jahren, die alles Geld zunichte machte. Waldner verkaufte sehr erfolgreich einen ovalen Melkeimer, weil der den "Weibern besser zwischen die Knie" passte als der gewohnte runde. Das jedenfalls befand ein Kunde.

Hermann Waldners Sohn Anton werden Energie, Fleiß, Ideenreichtum und Durchsetzungskraft nachgesagt. All diese Gaben und der richtige Riecher für Chancen und Menschen haben ihm zu großem geschäftlichem Erfolg verholfen. Mit ihm begann die Expansion des Unternehmens, in dem er seinen Kundenkreis auf das ganze Deutsche Reich ausweitete. Dass die Milch täglich fließt und täglich verarbeitet werden muss, das war die Grundeinsicht von Anton Waldner, der schon in den 30-er Jahren auf diesen Sektor setzte.

Keine Frage, auch für Waldner war der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig und hart. Doch wieder waren Mut, Ideen und Organisationstalent Grundlagen für den Erfolg. Mit der Währungsreform 1948 legten Anton Waldner, sein Vetter Franz, Prokurist Müller und Ludwig Kofler, der später den Bereich Laboreinrichtungen leiten sollte, ihr Kopfgeld von jeweils 40 D-Mark zusammen, druckten davon Prospekte und verschickten sie an frühere Kunden. Es war der Einstieg in den neuerlichen Aufstieg der Firma, der dann auch den Auszug des Betriebs aus der Innenstadt mit sich brachte zum heutigen Standort zwischen Haidösch und Im Grund.

Partner sind in vielen Ländern

Längst ist die Käsereitechnik nur noch ein Segment im Waldner-Angebot. Dazu gehören unter anderem komplette Laboreinrichtungen, hochtechnische Prozessanlagen für die chemisch-pharmazeutische Industrie, sowie Verpackungsmaschinen, die im Jubiläumsjahr die ertragreichste Sparte im Unternehmen sind, wie es heißt.

Entsprechend ist in den vergangenen Jahren auch die Firmenstruktur den Bedürfnissen angepasst worden. Der Kundenkreis hat mittlerweile europäische Grenzen längst überschritten.

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