Altvordere pochen auf Stadt-Status

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SPAICHINGEN - Der Hartnäckigkeit seiner Stadtväter hat Spaichingen es zu verdanken, dass es sich seit 180 Jahren Stadt nennen darf. Und zwar ganz offiziell. König Wilhelm I. gab am 22. August 1828 den Spaichingern hierfür Brief und Siegel und bewahrte sie vor der größten Peinlichkeit ihrer Geschichte.

Die Peinlichkeit wäre gewesen, die Stadtoberen zu Dorfvätern zu schrumpfen und die Oberamtsstadt zur Oberamtsgemeinde zu degradieren. Dies hätte Spaichingen sicher zum Spott im ganzen Königreich Württemberg gemacht. Denn die Spaichinger hatten schon seit Jahren nichts dabei gefunden, als Oberamtszentrum sich selbstverständlich mit dem Status einer Stadt zu schmücken.

Wäre es nach den königlich-württembergischen Beamten hoch zu Amtsschimmel gegangen, hätten die Spaichinger die Schmach erleiden müssen. Ein König machte den Unterschied. Ob er sich dabei bewusst war, mit dem Brief aus seinem Urlaubsdomizil Friedrichshafen gleichzeitig freundschaftlich gewogene Untertanen an der Prim zu gewinnen, bleibt dahingestellt. Tatsächlich aber beschleunigte diese huldvolle Geste die Wandlung der einstigen widerborstigen Vorderösterreicher zu neutreuen Württembergern.

Das Unheil kam an die Prim in Form des königlichen Staatshandbuchs für 1828. Eine "Stadt" Spaichingen kannte es nicht. Nach dem ersten Schock begann die große Suche nach dem Gegenbeweis. Was sich anfangs nur als eine Frage der Zeit bis zum Auffinden der richtigen Dokumente stellte, mündete in Panik und großen Jammer. "1813, 1814 oder 1815" sei dem früheren vorderösterreichischen Marktflecken von König Friedrich I. das Prädikat "Stadt" verliehen worden. Der damalige Oberamtmann Hezinger hätte dies den Bürgern eröffnet. Es sei sogar beantragt worden, Mauern und Tore aufzubauen. Mit diesem Hinweis übertrieben es die Spaichinger ein bisschen, denn überall im Land wurden Befestigungen abgerissen, weil sie dem allgemeinen Wachstum im Wege standen.

Zeugen waren gestorben

Urkunden fanden sich für die Behauptungen der Spaichinger nicht, die zitierten Zeugen, der Oberamtmann und der König, waren zufälligerweise im selben Jahr 1816 gestorben. Das Argument, auf den Ortstafeln stehe ja "Oberamtsstadt", war allzu dünn, um zu überzeugen.

Die Spaichinger legten deshalb in einem Brief vom 13. Mai 1828 an König Wilhelm I. nach: "In allen Erlassen wurde dieser Charakter angewendet und von allen Staatsbehörden anerkannt. Es wurden Stadt- und Amtspfleger und Stadtschreiber nach damaliger Einrichtung ernannt und im Jahr 1821 wurde Dekan Biedermann nach dem Königlichen Staats- und Regierungsblatt vermög allerhöchster Königlicher Entschließung vom 29. Juni 1821 vom Pfarrer zu Bussmannshausen zum Stadtpfarrer dahie ernannt. Bei Organisation der Gemeindeverwaltungen im Jahr 1819/20 wurde ein Stadtschultheiß von der Bürgerschaft erwählt..."

Bürger waren gekränkt

Untermauert wurden diese und weitere Ausführungen durch angebliche weitere Belege und auch durch den Eintrag im Staatshandbuch von 1824. "Schmerzlich gekränkt" gaben sich die Spaichinger, hätten die Bürger doch seit 14 oder 15 Jahren dem Prädikat "Stadt" schon so manches Opfer gebracht. Das stimmte sogar, denn abgesehen vom Namen, bedeutete "Stadt" für die Bürger sogar höhere Belastungen durch entsprechende Steuern.

Da in Spaichingen keine schriftlichen Dokumente zur Stadternennung auffindbar waren und der Hinweis auf die Aktendepots des "hochpreislichen Ministers des Innern" ebenfalls ins Leere lief ("Nicht die geringste Spur."), wurde die Situation für die Spaichinger kritisch. Stadt oder Dorf, das war nun die Schicksalsfrage. Das Innenministerium sah die ganze Angelegenheit amtsnüchtern: Die "Oberamtsstadt" im Staatshandbuch von 1824 war ein Versehen, eine Stadtrechtserteilung zwischen 1813 und 1815 "sehr unwahrscheinlich". Der Schwarze Peter wanderte zum König: Ihm wurde es überlassen, ob er der "Gemeinde Spaichingen, ihrer geringen Bevölkerung von 1500 Einwohnern ungeachtet, die Beibehaltung des bisher gebrauchten Stadtprädikats zu gestatten geruhen wolle." Der König wollte und schrieb an den Innenminister und setzte seinen "Wilhelm" darunter.

Als Spaichingen 1978 das 150. Stadtjubiläum feierte, widerlegte der damalige Kreisarchivar Wolfgang Kramer das schwache Spaichinger Argument, der König habe am 21. Juli 1811 bei einer Fahrt durch die Stadt mündlich das Stadtprädikat verliehen, eindeutig: "Durch jüngste Recherchen im Staatsarchiv konnte zwar der Besuch des Königs festgestellt werden, jedoch es war nur ein sehr kurzer: Ein Halt der königlichen Karosse in Spaichingen auf der Fahrt von Tuttlingen nach Rottweil ist nicht vermerkt. Seine Majestät müsste die Zusage aus dem fahrenden Wagen gerufen haben."

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