Schlacht um Wackersdorf kostete Menschenleben

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MÜNCHEN - Vor zwanzig Jahren besiegelte Bayerns damaliger Ministerpräsident Max Streibl den Baustopp für die Atommüll-Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf. Damit endete die bis heute heftigste Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und Bürger-Ungehorsam in der Geschichte der Bundesrepublik.

Zwanzig Jahre danach ist alles irgendwie anders: Bayerns Grüne haben zum "Zeitzeugengespräch" in den Münchner Landtag geladen. Ein nobler Rahmen für die Erinnerung an Bauzaunschlachten, die in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die vorher so friedliche Oberpfalz zu spalten drohten. Die Risse gingen damals quer durch die Familien, auch durch Familien von Polizisten, die in Wackersdorf über Jahre hinweg jedes Wochenende den Kopf hinhalten mussten für ein Projekt, das dann plötzlich niemand mehr haben wollte.

Heute ist von solchem Kampf nicht mehr viel zu spüren:-Sogar Traudl Böhm-Amtmann, die zur Bauzeit der Wiederaufbereitungsanlage Ministerialdirigentin im zuständigen Umweltministerium war, hat zur Podiumsdiskussion zugesagt. Wie Wolfram König, Präsident im Bundesamt für Strahlenschutz. Zeugen einer Zeit, die heute wie ein Spuk wirkt. Die selbst einen Franz Josef Strauß an die Grenzen seiner Macht führte - über den Tod hinaus: Bei der letzten großen Wackersdorf-Demonstration beklebten WAA-Gegner den Schutzwall um das Baugelände mit der Strauß-Abschiedsschlagzeile der Bildzeitung: "Danke Franz Josef".

881 000 Einwendungen

Am 22. April 1988 hatten bayerische und österreichischen Bürgerinitiativen 881 000 Einwendungen gegen den Bau der Atomfabrik übergeben - eine Zahl, die bis heute ohne Beispiel ist. Ohne Beispiel auch der Einsatz von bis zu 5000 Polizeibeamten und bis zu 44 Wasserwerfern, die mehrfach die Wackersdorfer Wasserversorgung lahm legten, wenn sie nachgefüllt wurden für den Einsatz gegen Demonstranten. Bis zu 300 000 waren es, die unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Tschernobyl über Pfingsten 1986 in die Oberpfalz reisten.

Regelmäßig wurde von bürgerkriegsähnlichen Zuständen gesprochen. Es gab drei Tote: Zwei Demonstranten starben nach dem Einsatz von Reizgasgranaten. Und ein Polizeibeamter kam in den Flammen um, als der Pilot eines Polizeihubschraubers bei der Verfolgung von WAA-Gegnern den herannahenden Bummelzug von Schwandorf nach Cham nicht kommen sah.

Vier Polizisten aus dem Hubschrauber überlebten, von Demonstranten aus den lichterloh brennenden Trümmern befreit. Es gab Polizisten, die stellten sich schützend zwischen Demonstranten und die aus Berlin abkommandierte Bereitschaftspolizei, die sich damals schnell den Ruf verdiente, dass sie zu übertriebener Härte neigte. Und es gab WAA-Gegner, die vermummten Chaoten aus allen Teilen der Republik schon auf den Wegen zum Baugelände die Präzisionsschleudern abknöpften, die wegen ihrer lebensgefährlich rasanten Stahlkugeln bei der Polizei gefürchtet waren. Zwei Jahre lang Randale, nahezu an jedem Wochenende. Über 100 Polizeibeamte quittierten gemeinsam den Dienst - die größte Massenkündigung der Nachkriegspolizeigeschichte.

Später bekamen Widerstand und Ordnungsmacht die Situation zunehmend in den Griff. Es gab regelmäßig Sonntagsgottesdienste im Taxöldener Forst, die Demos glichen zunehmend Familienausflügen. Und der bayerische Innenminister hörte irgendwann auf, wöchentlich Statistik über den Anteil auswärtiger Demo-Teilnehmer zu führen. Die WAA-Gegnerschaft hatte die Region erfasst, selbst CSU-Abgeordnete verteidigten das Projekt ihres Parteivorsitzenden nur noch halbherzig und zähneknirschend.

Der Anfang vom Ende begann im Januar 1988, als der bayerische Verwaltungsgerichtshof den Bebauungsplan wegen unzureichender Berücksichtigung nuklearspezifische Risiken aufhob und so eine Neuauflage des atomrechtlichen Genehmigungsverfahrens erzwang. Am 3. Oktober 1988 starb Franz Josef Strauß, ein halbes Jahr später verkündete Nachfolger Max Streibl offiziell das Ende der Bauarbeiten. Auf dem Gelände entstand ein Autozulieferer-Industriepark mit 3100 Arbeitsplätzen. Für die Atomfabrik waren 1400 Dauerarbeitsplätze versprochen worden.

Am Anfang stand ein Bruderkrieg

Die unvollendete Geschichte um die deutsche Wiederaufarbeitungsanlage für atomare Brennstoffe ist auch die Geschichte eines Kleinkriegs zwischen den unionsregierten Bundesländern Bayern und Niedersachsen. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß ließ dabei keine Gelegenheit aus, seinem Kollegen und seinem Rivalen um die Kanzlerkandidatur, Ernst Albrecht, eins auszuwischen.

Am Anfang stand ein Entsorgungskonzept für die verbrauchten Brenn-stäbe aus bundesdeutschen Atomkraftwerken. Im Jahr 1977, just als die USA ähnliche Pläne als undurchführbar zu den Akten legten, traf die deutsche Standortwahl die Gemeinde Gorleben im niedersächsischen im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Entstehen sollte dort ein Entsorgungszentrum mit Zwischenlagern, Wiederaufarbeitungsfabrik und Atommüll-Endlagern in den nahen Salzstöcken. Zwei Jahre später, am 16. Mai 1979, verkündete Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht den Rückzug: "Es ist jedoch die Pflicht der niedersächsischen Landesregierung, die Bundesregierung darauf hinzuweisen, dass die politischen Voraussetzungen für die Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage zurzeit nicht gegeben sind." Spätestens von da an wurde auch in Bayern nach Alternativstandorten gefahndet - mit dem Motto, dass das im Freistaat reichlich vorkommende Granitgestein für die Atommülllagerung weit besser geeignet sei als niedersächsische Salzbergwerke.

Franz Josef Strauß bat in solcher Not den SPD-Kanzler Helmut Schmidt, dass dieser den Niedersachsen Albrecht bloß nicht aus der Entsorgungspflicht entlassen solle. Albrecht war der härteste Konkurrent, als Strauß die Kanzlerkandidatur für die Unionsparteien eroberte. Nun soll Wahlsieger Schmidt dem Bayern helfen, wenigstens die Endlagerung im Freistaat abzuwenden. Dafür signalisiert Strauß -- zunächst streng geheim -- Bereitschaft, dass der Freistaat den Part der Wiederaufarbeitung übernehmen könnte. Neben der Milliardeninvestition reizen bei diesem Tauschhandel 1400 Arbeitsplätze, von der Industrie versprochen. Am 18. Februar 1982 beginnt ein Raumordnungsverfahren für drei mögliche bayerische Standorte, alle in der Oberpfalz. Der CSU-Bezirksvorsitzende und spätere Justizminister Gustl Lang sagt einen Satz, den ihm viele seiner oberpfälzer Landsleute sehr übel nehmen: "Wenn wir die WAA hier in diesem Raum nicht bauen, dann könne wir die Anlage nirgends anders in Bayern errichten!"

Im Jahr 1985, als Bayern den Standortwettbewerb gegen Niedersachsen endgültig gewonnen hat, verspricht Strauß öffentlich: "Abschließend kann ich Ihnen erneut die Bereitschaft der Bayerischen Staatsregierung versichern, alle Anstrengungen zu unternehmen, um eine rasche und ungestörte Realisierung des Projektes und einen ungehinderten Betrieb der Anlage sicherzustellen." Die WAA, sagt der bayerische Premier, sei nicht gefährlicher als eine "Fahrradspeichenfabrik".

CSU an den Grenzen der Macht

Drei Jahre später ist das Projekt am Ende, die Atommüllentsorgung im eigenen Lande noch immer ungelöst. Zwanzig Jahre später fordert der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz auf dem Landtagssymposium der Grünen, endlich wenigstens ein nationales Endlager zu schaffen: Den Atommüll ins Ausland zu schaffen könne und dürfe nicht die Lösung sein, sagt Wolfram König. Aber auch er weiß, dass dieser Kraftakt sogar die CSU in Bayern an die Grenzen ihrer Macht geführt hat.

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